KopfNuss
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8.10.2004
O-Ton-Rätsel
Von Gerrit Stratmann

Ein Tierliebhaber war er von Kindesbeinen an. Das behaupten nicht nur seine Biografen immer wieder, das bezeugen vor allem er selbst und seine Werke. Konrad Lorenz wurde 1903 in Altenberg bei Wien auf dem Land geboren und wuchs dort in unmittelbarer Nähe zu Fischen, Ratten, Salamandern und den verschiedensten Vögeln auf, die er schon in jungen Jahren beobachtete und als Haustiere hielt. Trotzdem studierte er nach der Schule zunächst nicht Biologie sondern Medizin. Erst nach seiner Promotion zum Dr. med. 1928 begann er ein Zweitstudium in Zoologie.

Lorenz gilt als Mitbegründer der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), deren Ansätze sich zu seiner Zeit noch in den Kinderschuhen befanden. Insbesondere schwelte Anfang des 20. Jahrhunderts der Streit darüber, wie Verhaltensweisen entstehen. Gab es angeborenes oder nur erlerntes Verhalten, wie vor allem die Schule des Behaviourismus behauptete? Für die Behaviouristen war Lernen ein reines Reiz-Reaktions-Schema. Verhaltensweisen galten als Reflexe auf bestimmte Reize, mit denen sie abgerufen und trainiert werden konnten. Übersehen wurde dabei, dass es Verhaltensmuster gibt, die ablaufen, ohne dass der Organismus Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, sie zu trainieren. Solche Verhaltensmuster haben Lorenz und unabhängig von ihm Oskar Heinroth sowie Charles Whitman beschrieben, und damit nachgewiesen, dass es artspezifisches, genetisch vorprogrammiertes Verhalten (Instinkthandlungen) gibt.

Berühmt wurde auch Lorenz' Entdeckung der Prägung, ein nicht wieder umkehrbarer Lernvorgang bei einigen Jungtieren. In Erinnerung geblieben ist vor allem das Bild des schwimmenden Konrad Lorenz, der von einer Schar junger Gänse begleitet wird. Die Jungtiere sahen in dem Forscher ihr Muttertier, weil er, kurz nachdem sie geschlüpft waren, ihre einzige Bezugsperson war und sie ihn in dieser sensiblen Phase als "Mutter" anerkannten.

Für die Entdeckung der Entstehung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern sowie für seine Verdienste für die Etablierung der Verhaltensforschung als eigenständige Wissenschaft wurde ihm und seinen Kollegen Tinbergen und von Frisch 1973 der Nobelpreis für Medizin verliehen.

Im Jahr der Verleihung wurde allerdings auch ein anderes, dunkles Kapitel des Lorenzschen Lebenslaufes ins öffentliche Bewusstsein gebracht: seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Dreimal hatte er sich um die Aufnahme 1938 beworben, zuletzt mit einem Begleitbrief, in dem er sich in nicht zu entschuldigender Weise den Nationalsozialisten angedient hat:

Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist... Schließlich darf ich wohl sagen, dass meine ganze wissenschaftliche Lebensarbeit, in der stammesgeschichtliche, rassenkundliche und sozialpsychologische Fragen im Vordergrund stehen, im Dienste Nationalsozialistischen Denkens steht.

Mit politischer Naivität und der opportunistischen Haltung eines aufstrebenden Forschers, der seine Karriere plant, ist solch ein klares Bekenntnis jedenfalls kaum zu rechtfertigen. Er selbst sah sich später als Opfer nazistischer Indoktrination. Nach der Aufnahme in die Partei erhält er 1940 den Lehrstuhl für Psychologie in Königsberg (seit 1946 Kaliningrad). Es folgt eine Zeit als Militärarzt, russische Gefangenschaft, Heimkehr 1948, 1950 die Eröffnung des Institutes für Verhaltensphysiologie durch die Max Planck Gesellschaft in Buldern und 1958 das neue Max Planck Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen, dessen Direktor er bis 1973 bleibt.
Seit den 70er Jahren setzt er sich zunehmend für den Umweltschutz ein und engagiert sich gegen die Nutzung der Atomkraft.
Er stirbt 1989 zu Hause in Altenberg.
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