KopfNuss
KopfNuss
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21.10.2004
Die Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Sie sangen so schön - doch Odysseus, der Kluge, hatte sich so fest an den Mastbaum seines Schiffes gekettet, dass er dem betörenden Gesang widerstand. Beleidigt ertränkten sich die Sirenen im Meer. Wo ihr Leichnam an die Küste schwemmte, gründeten die Griechen im siebten Jahrhundert vor Christus "Palaeopolis", die alte Stadt.

In der neuen Stadt singen keine Sirenen - der moderne Gesang, wenig betörend, kommt aus den Motoren von zahllosen Autos und Mopeds. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit schlängeln sich die Fahrer durch die dunklen Gassen, dem Fußgänger bleibt nur die Flucht in den nächsten Hauseingang, wo sich Schmutz und Mülltüten stapeln.

Armut, ein mächtiger Katholizismus, Fremdherrschaft über Jahrhunderte hinweg - in diesen Gassen spürt man es noch. Im Dom der Stadt verflüssigt sich pünktlich zwei Mal im Jahr das Blut des heiligen Januarius. Tausende von Pilgern schauen das Wunder bis zum heutigen Tage mit eigenen Augen. An den Hängen dieser Stadt bauten Generationen deutscher Maler ihre Staffeleien auf, verewigten den Blick aufs Meer, die schönen Inseln in der Ferne und den riesigen Vulkan, der die Stadt von jedem Winkel aus überragt. Noch in den vierziger Jahren begrub der "Bucklige", wie die Menschen hier sagen, Häuser und Menschen unter seiner Lava. Diese Stadt ist mit der Apokalypse wohl vertraut. Eine Chronik berichtet:


Januar 1528: Krieg und Pest. Zehn Jahre später: Vulkanausbruch. Hundert Jahre später: Erdbeben und Vulkanausbruch. 1654: Ausbruch der Pest - von vierhundertfünfzigtausend Einwohnern sterben dreihundertfünfzigtausend. 1884: verheerende Choleraepidemie, Abriss ganzer Stadtteile. 1907: Verschandelung der Küste durch den Bau riesiger Stahlwerke. Unter faschistischer Herrschaft: Planierung gewachsener Stadtviertel und Errichtung monumentaler Bauten und Plätze.

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die Stadt in Schutt und Asche. Wohnviertel und Kirchen, Plätze und Paläste sind schwer bombardiert. Es folgen Misswirtschaft und Korruption. Die wunderschöne Altstadt verkommt zum Slum. Noch in den siebziger Jahren wütet die Cholera, kurz darauf versetzt ein Erdbeben der Stadt den Todesstoß. So scheint es.

Ein engagierter Bürgermeister schenkte ihr neue Hoffnung. Wie ein Heiliger wird der Mann heute verehrt - einem Kommunisten kann das wohl nur in diesem Land passieren. In den sieben Jahren seiner Amtszeit krempelte er die Stadt um, erklärte Straßenzüge zu Fußgängerzonen, renovierte Fassaden und Plätze. Brunnen sprudeln wieder, Cafés schieben ihre Tische ins Freie, Touristen lächeln und vergessen für Momente, ihre Fotoausrüstungen an sich zu klammern.

Etwa eine Million Menschen zählt die Stadt heute, die drittgrößte ihres Landes ist sie damit. Der riesige Hafen, der Schiffbau, Textil- und Chemieindustrie ernähren sie leidlich - die Arbeitslosigkeit ist hoch, vor allem bei Frauen und Jugendlichen. Im Fremdenverkehr liegt ihre große Hoffnung - doch die Touristen ziehen die Inseln vor, hierher kommen sie oft nur für einen Tag. Es entgeht ihnen etwas: Diese Stadt hat ihre eigenen Verbrecher und spricht ihren eigenen Dialekt. Ihre freiheitliche Rechtstradition hat das ganze Land beeinflusst, noch heute arbeiten hier zahllose Rechtsanwälte und Notare. Die Stadt brachte Enrico Caruso hervor, ließ Maradona bei sich Fußball spielen und erfand eine Mahlzeit, die nicht zur hohen, aber zur hoch beliebten Esskultur gehört.

Noch immer ist sie Europas dichtestbesiedelte Großstadt mit den wenigsten Grünflächen und dem lautesten Platz im ganzen Land. Eingeweihte sagen, man könne sie nur hassen oder lieben. Für die Verliebten gipfelt der Mythos in einem berühmten, letzten Seufzer. Ob man direkt an ihrer Schönheit stirbt - es ist fraglich. Dann doch eher am chaotischen Straßenverkehr.
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