KopfNuss
KopfNuss
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28.10.2004
Harte Nuss
Gesucht wird...
Von Susanne Billig

Sie ist ein rarer Gast, das zeigt ein Blick in die Zeitung: überall Chaos und Wurschtelei. Jeder zitiert sie herbei, zu niemandem kommt sie; was mit ihr begann, endet ohne sie. Um die vielen Probleme in den Griff zu bekommen, gründen die Regierenden gern Kommissionen - so verdünnisiert sich der Entscheidungsträger aus seinem Produkt. Befürchtet er, dass SIE dort durch Abwesenheit glänzt?

Datenbanken, Statistiken, Computer sollen richten, was der Mensch an ihr versagt. Doch auch unten aus dem Computer will sie einfach nicht quillen - kann es sein, dass man sie oben hineinstecken muss? Wir schätzen sie, vermissen sie schmerzlich, herbeizwingen wollen wir sie, aber zwingen lässt sie sich nicht. Etwas stimmt nicht mehr zwischen ihr und uns - aber was?

Im siebzehnten Jahrhundert stürzte sich das Abendland in jene leidenschaftliche Affäre mit ihr, an deren Folgen wir noch heute laborieren. Zur wichtigsten Eigenschaft Gottes wurde sie damals erklärt. Kurz darauf stürzte sie Gott vom Thron, um selbst ganz nach oben zu klettern. Ein höherer Sinn und Zweck umwehte sie, tatsächlich half ihre Strahlkraft, Europa vom Diktat der mittelalterlichen Kirche zu befreien. Dann nahm ein Unglück seinen Lauf.

Die französische Revolution watete im Blut, die industrielle stürzte Massen ins Elend. Die Kolonialzeit wusste auf fremde Kulturen nur mit Ausrottung zu reagieren. Zwei verheerende Kriege überzogen die Welt. Holocaust und Diktaturen mitten in Europa, Flüsse verschwanden in Betonbetten, aus frischer Luft wurde Smog - und wir können nicht einmal behaupten, alles das wäre ohne sie passiert. Auf erschreckende Weise war sie planvoll und systematisch immer beteiligt. Unser Verhältnis zu ihr geriet in eine tiefe Krise.

Der Gigant unter den deutschen Philosophen widmete ihr sein Lebenswerk. Moderne Denker legen sie erneut unter die Lupe und sagen: Die Crux mit ihr liegt darin, dass sie einen Schatten nach sich zieht. Vieles hat sie sich nie aneignen können: Frauen und fremde Kulturen, Sehnsüchte und Träume, die innere Wahrnehmung der Lebewesen. Doch anstatt unser Verständnis von ihr zu erweitern, haben wir das alles einfach ausgeblendet. Und von der Ausblendung zur Vernichtung ist es nur ein kleiner Schritt.

Die moderne Wissenschaft ist stolz darauf, stets mit ihr im Bunde zu sein. Sinnfragen haben da keinen Platz. Ästhetik, Moral, Spiritualität sind tabu, es sein denn, Forscher finden einen Hirnstrom für Künstler oder ein Gen für religiöse Gefühle. Kritiker sprechen von einem grandiosen Missverständnis im Umgang mit ihr: Denn wenn SIE eines von uns fordert, dann die Zusammenschau all unserer Erkenntnisse. Wer sich aber weigert, andere als naturwissenschaftliche Erkenntnisformen überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn mit ihnen ins Gespräch zu kommen - der versagt vor den Maßstäben, die SIE selbst uns setzt.

Die alte Sehnsucht danach, dem geheimnisvollen inneren Zusammenhang der Welt nahe zu kommen, meldet sich neu zu Wort. Von Intuition ist wieder die Rede, von Inspiration und von Emotion. Es dämmert uns, dass SIE ohne Weisheit nichts taugt, und dass Weisheit sich nicht nur von Daten und Abstraktionen ernähren kann. Suchend blicken wir in andere Kulturen und siehe da: Die indische Philosophie kennt durchaus eine ausgefeilte Logik. Doch die ist dort gar nicht so wichtig. Der wahre Philosoph übt sich in "jnana" - ehrfurchtsvollem Denken. Und ein ehrfurchtsvoller Denker übt zwar seine grauen Zellen, vor allem aber redliches Verhalten, Vertrauen und Mitgefühl. Vielleicht kann das Abendland hier etwas lernen - und sie wieder so leben lassen, wie es ihr entspricht: auf alles neugierig, was ein Mensch denken und fühlen kann.

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