KopfNuss
KopfNuss
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29.10.2004
O-Ton-Rätsel
Wir suchen nach einem politischen Ereignis

Es ist kurz nach 24 Uhr am 28. Februar 1986: Olof Palme und seine Ehefrau Lisbet sind auf dem Heimweg vom Kino. Zu Fuß, ohne Leibwächter. Die hatte Olof Palme, Schwedens Ministerpräsident, zuvor nach Hause geschickt, wie schon so oft zuvor. Wenn es privat wurde, wollte Palme allein sein. In seinem Land fühlte er sich sicher. Doch plötzlich fallen Schüsse: Zwei davon treffen Olof Palme in den Bauch. Noch während er stürzt, ist er bereits tot, wie die Obduktion später ergibt. Auch Lisbet Palme wird von einer Kugel gestreift, sie wird nur leicht verletzt. Danach herrscht Chaos. Passanten eilen herbei, rufen Polizei und Ambulanz. Alle scheinen überfordert, sind entsetzt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Keiner kann es fassen, dass mitten im friedlichen Stockholm ein Attentat verübt wurde. Schwedens Traum vom geborgenen Volksheim ist zunichte. Wie tief der Schock sitzt, beweist die pannenschwere Ermittlungsarbeit: Erst Stunden nach dem Anschlag wird eine landesweite Großfahndung herausgegeben. Der Tatort wird sehr mangelhaft gesichert. Die Kriminaltechniker werden durch Tausende von Blumen behindert, die die Bürger als Zeichen ihrer Anteilnahme am Schauplatz des Verbrechens abgelegt haben. Die Kugeln, die Palme trafen, werden erst zwei Tage nach der Tat von Passanten vier Meter vom Tatort entfernt gefunden. Zeugen werden nicht oder erst sehr viel später befragt. Und: Zu Beginn konzentrieren sich die Untersuchungen auf einen Täter außerhalb Schwedens. Nur ein Ausländer, da waren sich viele Schweden einig, könne für eine solch schreckliche Tat verantwortlich sein. Wohl deshalb verfolgt der führende Ermittlungsbeamte Hans Holmer anfangs ausschließlich die so genannte "Kurdenspur", wonach Palme von Separatisten der kurdischen PKK ermordet worden sein sollte, weil er den Aufbau eines europäischen PKK-Stützpunktes in Schweden verhindert hatte. Eindeutige Beweise für diese These fanden sich nicht.

Bis heute, 18 Jahre nach dem Anschlag, ist nicht sicher bekannt, wer Olof Palme tatsächlich getötet hat und warum. Es gab und gibt noch immer Spekulationen über die möglichen Mörder, zumal Olof Palme und seine Politik der deutlichen Worte alles andere als unumstritten war. Der Sozialdemokrat spaltete die Menschen. Er wurde entweder verehrt oder er wurde gehasst. Sein innenpolitisches Engagement galt dem Aufbau eines sozialdemokratischen Staatssozialismus mit sozialer und ökonomischer Gleichheit für alle. Für seine Gegner aus dem rechten Lager verkörperte er deshalb wie kein anderer das Bild des "sozialdemokratischen Bolschewismus". Außenpolitisch engagierte er sich gegen den Vietnamkrieg, er kritisierte die Amerikaner wegen ihres Eingreifens in Kambodscha, er brandmarkte die Apartheidpolitik in Südafrika, er stufte die kurdischen Separatistenpartei PKK als terroristische Organisation ein, unterstützte aber gleichzeitig die Sandinisten in Nicaragua. Der oder die Mörder, folgt man den vielen Vermutungen, darunter zahlreiche Verschwörungstheorien, könnten aus jedem dieser Lager stammen. Aber man kam nicht weiter. Ende 1988 schien es zunächst so, als sei der Fall doch schon gelöst. Der überraschten Öffentlichkeit wurde Christer Pettersson, ein alkoholabhängiger Krimineller, als Einzeltäter präsentiert, nachdem er auch von Palmes Ehefrau als Mörder identifiziert worden war. Sein Motiv: Er habe Palme gehasst. 1989 kam es zum Prozess, an dessen Ende Pettersson zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Allerdings wurde das Urteil schon drei Monate später wegen Mangels an Beweisen wieder aufgehoben und Pettersson freigesprochen. Und das, obwohl Lisbet Palme bis heute fest davon überzeugt ist, dass Pettersson der Täter war und obwohl dieser bis zu seinem Tod im September 2004 selbst immer wieder behauptete, er habe Palme erschossen. Doch damit war und ist er nicht alleine: Mittlerweile haben sich 130 Menschen selbst bezichtigt, Olof Palme getötet zu haben. Noch immer erreichen die Ermittler neue Hinweise, denen sie auch heute in der Hoffnung weiter nachgehen, vor Ablauf der Verjährungsfrist im Jahre 2011 eine Verurteilung des/der wahren Schuldigen zu erreichen.
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