KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
26.10.2004
Redewendungen
Ein X für U vormachen
Von Laf Überland

Es ist schon verblüffend: Man würde nämlich wohl die heute gesuchte Redensart eher der computergesteuerten Neuzeit der Laptops auf dem Kneipentisch zuordnen als irgendwelchen Mittelalterkaschemmen...

Der Ablauf ist bei allen PC-X-Lösungen immer der gleiche: Sie laden Ihr Betriebssystem mit dem TCP/IP fähigen Kernel, es folgt der Aufruf der Systemoberfläche. Danach starten Sie einen X-Server auf Ihrem PC und loggen sich mit Telnet auf Ihrer X-Station ein...

Es hängt jedenfalls nicht nur mit Pisa und der Rechtschreibreform zusammen, wenn manche Leute mutwillig die Buchstaben durcheinander bringen! Doch was mit dieser heute gesuchten Redensart vollzogen wird, bleibt einem schleierhaft wie Akte X...

Kommen wir zunächst zur wissenschaftlichen Seite, nämlich der erforschten Geometrie der optischen Täuschungen - denn auch die hängt eng zusammen mit der heute gesuchten Redensart: Das Gehirn wird ausgetrickst: Wie die Wissenschaft es ausdrückt, können vermeintliche Längen- oder Größenunterschiede, gegeneinander kippende Parallelen oder eingedellte Quadrate uns unter bestimmten Voraussetzungen durchaus die Sinne verwirren.

Aber jetzt wird es wirklich schwer! Denn wer kann heutzutage noch aus dem Stand die alten Jahreszahlen und lateinischen Inschriften auf Gedenktafeln und Kirchenportalen lesen? Zumal der Buchstabe U (wie in Laurentius) wie ein V geschrieben wurde - also wie die lateinische Fünf... Und wenn dann erst der Zahn der Zeit ein wenig an den Inschriften genagt hat, sieht das V plötzlich aus wie ein X: Laurenti-exess moritatexess in 1563 beispielsweise...

Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurden die meisten der zahlreichen bekannten optischen Täuschungsfiguren entdeckt und nach ihren Entdeckern benannt. Eine allerdings blieb im Volksmund verhaftet - im alltäglichen Gebrauch, sozusagen. Denn die war schon seit dem Mittelalter (ja, tatsächlich!) der Trick der Kneipenwirte, die, wie man heute sagt, den Gast einen Deckel machen ließen oder einen Zettel: die also aufschrieben, was die fröhlichen Zecher zu sich nahmen. Und da war es mit gewachsenem Alkoholspiegel ein Leichtes, ihm statt des "V" - für fünf obergärige Biere - ein "X" vorzumachen - also für zehn! Die gesuchte Redensart bedeutet jedenfalls - allen technischen Fortschritt überdauernd und damals wie heute: jemanden betrügen und hereinlegen wollen.


Hintergund

Die Redensart "ein X für ein U vormachen" bedeutet nichts anderes als, jemanden mit unabweisbaren und nahezu glaubwürdigen Mitteln zu betrügen und hereinzulegen: zum Beispiel, indem man kurzerhand die Striches des Buchstabens V ein Stückchen verlängert, woraus dann ein X wird...

Entstanden sind sowohl diese Betrugsmasche als auch alsbald die Redensart anscheinend bereits in mittelalterlichen Zeiten, als vor allem Gastwirte und Geldverleiher ihren Kunden statt der römischen FÜNF (also V) eine römische ZEHN (also V mit verlängerten Beinchen = X) auf die Rechnung gemalt hatten... Beide konnten durchaus auf dem Schuldpapier durch die simple Verlängerung der Linien ihre Ansprüche verdoppeln!

Heutzutage bedeutet die Redensart "aus einem X ein U machen" die ebenso plumpe wie eingängige Täuschung bzw. Übervorteilung - immer durch den, der die Schreibgewalt, also die Autorität, hat...!
-> KopfNuss
-> weitere Beiträge