KopfNuss
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12.11.2004
O-Ton-Rätsel
Christo und Jean-Claude

"Wir haben beschlossen, eine Person zu sein", erklärt Jeanne-Claude Anfang der 90er und besteht darauf, dass es für ihr künstlerisches Schaffen nur noch einen Ansprechpartner gibt: Christo und Jeanne-Claude. Eine Ich-AG mit Doppelnamen gewissermaßen. Wer das nicht akzeptieren will, hat Pech und wird der Tür verwiesen, wie es einem perplexen Journalisten passierte, der es wagte, nur von Christo allein zu reden.

Nein, auseinander dividieren lässt sich das Künstlerehepaar nicht. Sie unterschreiben alle Verträge gemeinsam, sie treten gemeinsam vor die Presse und sie erscheinen gemeinsam zu jedem Vortrag. Schließlich soll jeder verstehen, dass sie als Paar die Kunstwerke schaffen: Die Ideen für ihre Projekte stammen meist von beiden zusammen, werden sie nicht müde zu betonen; immer durchlaufen sie den oft jahrzehntelangen Prozess, bis ein Kunstwerk verwirklicht ist, als Team. "Christo ist der Motor, ich bin sein Gaspedal", beschreibt Jeanne-Claude die seit nunmehr 46 Jahren andauernde Künstler-, Liebes- und Schicksalsgemeinschaft.

Geboren sind beide am selben Tag, am 13. Juni 1935: Er in Bulgarien als Sohn eines Chemiefabrikanten und einer Kunstakademikerin, sie in Marokko als Stieftochter eines französischen Generals und einer Adeligen. 23 Jahre leben sie getrennte Leben: Er in Bulgarien, wo er Kunst studiert, bis er 1956 in den Westen flieht, sie in Casablanca, Tunis und in Paris. Dort lernt sie Christo 1958 kennen, als der junge und damals noch unbekannte Künstler ein Porträt von Jeanne-Claudes Mutter anfertigen soll.

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Kurz entschlossen und gegen den Willen ihrer Eltern zieht Jeanne-Claude bei Christo ein. Zwei Jahre später kommt Sohn Cyril zur Welt und die Kunst, die beide nicht selten als ihr zweites Kind bezeichnen, bestimmt seither ihr gemeinsames Leben.

Schon Anfang der 60er Jahre beginnt das Paar mit Verhüllungsaktionen, um - wie beide Künstler sagen - auf die Schönheit eines Augenblicks und auf dessen Vergänglichkeit aufmerksam zu machen. "Wir empfinden Liebe für unsere Kindheit, weil wir wissen, dass sie vergeht, Liebe für unser Leben, weil wir wissen, dass es vergeht. Diese Qualität wollen wir unseren Werken schenken."

Ihre erste bekanntere Arbeit ist der "Wrapped Renault 4 CV". Danach werden die Projekte schnell immer größer: 1968 verhüllen sie die Kunsthalle in Bern. 1969 verschwindet ein Teil der australischen Felsenküste unter einer gigantischen Plastikfolie. 1972 durchschneidet ein riesiger orangefarbener Vorhang ein Tal in Colorado. 1976 durchquert ein 40 Kilometer langer Nylon-Zaun Kalifornien. 1978 laufen safrangelbe Kunststoffbahnen durch den Loose Park in Kansas City. 1983 umsäumen Christo und Jeanne-Claude 11 grüne Inseln in der Biscayne Bucht mit rosafarbenen Plastikfolien. 1985 verschwindet die Pont Neuf in Paris unter einer Hülle. 1991 erblühen 3100 riesige blaue und gelbe Sonnenschirme in Kalifornien und Japan.

1995 verhüllt ein silbrig-glänzendes Gewebe den Reichstag. Dieses Werk wird zum bis dahin größten Erfolg für das Duo. Fünf Millionen Menschen pilgern nach Berlin, um den "Wrapped Reichstag" zu bestaunen. "Leider", wie Jeanne-Claude später kokettiert, denn seitdem ist es schwerer, Projekte wie etwa "The Gates" im New Yorker Central Park zu verwirklichen. "Wer will schon Millionen Menschen innerhalb von 14Tagen in seiner Stadt haben?, obwohl doch Jeanne- Claude und Christo alle ihre millionenschweren Vorhaben selbst durch den Verkauf von Zeichnungen und Collagen finanzieren. Schenkungen, Spenden, Sponsoren - all das lehnt das Künstlerpaar ab. "Nur so", sagt Christo,"hat man die Freiheit, alles so zu machen, wie wir es wollen."
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