KopfNuss
KopfNuss
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4.11.2004
Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Ratlosigkeit löste das Nahrungsmittel aus, als es nach Europa kam. Vor allem in den katholischen Ländern gerieten die Menschen ins Grübeln. War dies eine Speise? Oder etwas anderes? Einer Speise hätten fromme Katholiken in den Fastenzeiten entsagen müssen. Die strengen Dominikaner wollten das Nahrungsmittel verboten sehen, die Jesuiten es erlauben - kein Wunder, betrieben sie doch einen schwunghaften Handel damit. Wie viele Päpste wurden mit dieser Frage behelligt! Sie alle entschieden: Es bricht das Fasten nicht. Auch die Medizin sprach sich für das Nahrungsmittel aus. Der spanische Hofarzt Francisco Hernández klassifizierte es 1570 ganz im Sinne der damaligen Medizin:

Es ist dem Wesen nach gemäßigt mit einer Tendenz zum Kalten und Feuchten. Deshalb ist es anzuwenden bei heißem Wetter und zur Behandlung von Fieber. Die bei der Zubereitung verwendeten Gewürze sind überwiegend heißer Natur, fördern die Gesundheit und lindern Magenschmerz und Koliken.

Wohl bekomm's dem Magen: Bitter war das Nahrungsmittel in seinem Herkunftsland, scharf gewürzt mit Chilipfeffer, zerstoßenen Samenkörnern, gemahlenen Blütenblättern, zerriebenen Früchten, das alles zu einer schaumigen Masse verrührt. In seiner Heimat ging es dem Nahrungsmittel nicht anders als später in Europa: Den Reichen und Mächtigen war es vorbehalten, während das einfache Volk sich mit der Herstellung begnügen durfte. An einem dünnen, langen, immergrünen Baum wächst der Rohstoff heran, er gedeiht im Schatten. Jedes Jahr öffnen sich an die hunderttausend Blüten an einem einzigen Baum. Ganzjährig findet man auch die begehrten Früchte, sie erinnern an ein Rugby-Ei.

1544 reisten einige Mönche gemeinsam mit Adelsvertretern des fernen Landes an den spanischen Königshof zu Prinz Philipp. Bis heute existiert eine Liste der Geschenke, die Philipp übergeben wurden - unter anderem ein Gefäß mit diesem Nahrungsmittel. Das ist, soweit heute bekannt, seine Premiere in Europa.

"Eher für Schweine als für die Menschheit" sei das Zeug gemacht, schimpfte ein Italiener. Die Damenwelt war es, die sich am spanischen Königshof zuerst an das neue Nahrungsmittel heranwagte, zumal man es mit interessanten Gewürzen kochen konnte: Zimt, Curry, Ingwer, Pfeffer oder Rohrzucker. Nach und nach wanderte die neue Mode durch Europa. In Deutschland gab es das Nahrungsmittel lange nur als Stärkungsmittel in Apotheken.

Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden die ersten größeren Produktionsbetriebe. Gastarbeiter aus Portugal unterwiesen die Deutschen in den Feinheiten der Zubereitung. Bald setzte man Dampfmaschinen ein, revolutionierte die Konsistenz durch den Einsatz von hydraulischen Pressen und Granitwalzen. Heute gehört Deutschland zu den Ländern mit dem größten Pro-Kopf-Verbrauch des Nahrungsmittels.

Der Anbau des Rohstoffes geschieht heute zum größten Teil in Afrika, aber auch in Mittelamerika auf großen Plantagen. Die Arbeiter verdingen sich für Hungerlöhne, den massenhaft versprühten Pflanzengiften schutzlos ausgesetzt. Hilfsorganisationen schätzen die Zahl der Kindersklaven allein in West- und Mittelafrika auf weit über zweihunderttausend. Organisierte Menschenhändler kaufen die Kinder ihren Eltern gegen leere Versprechungen für fünfzehn Dollar ab und verhökern sie für vierhundert Dollar an Plantagenbesitzer. Woher das Nahrungsmittel kommt interessiert uns meist weniger als die Frage, wie gesund oder ungesund es für uns sei. Hunderte von Stoffen enthält es in kleinsten Mengen.

Alkaloide regen Herz und Kreislauf an. Neurotransmitter wirken auf das Glücks- und Lustempfinden im Gehirn. Gerbstoffe fangen aggressive Radikale ab und beugen möglicherweise Krebs und Herzinfarkten vor. Flavonoide setzen die Blutgerinnung herab und stärken unter Umständen Herz. Das Nahrungsmittel ist reich an Magnesium, Kalium, Phosphor und Vitamin E und senkt den Gesamt-Cholesterinspiegel.

Dennoch gehört es nicht gerade auf die Liste einer vollwertigen Ernährung, dazu liefert es einfach zu viel Energie. Warum wir so süchtig danach sind, ist nicht ganz klar. Möglicherweise suchen wir das sensorische Vergnügen - dann wäre es ein Ersatz für Gefühle. Eine Studie hat vor kurzem einen ganz neuen Aspekt zu Tage gefördert. Nach komplizierten Testreihen folgerten die Wissenschaftler sinngemäß:

Wer dieses Nahrungsmittel ständig isst, hat schlichtweg Hunger und ist zu faul, sich etwas anderes zu essen zu machen.
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