KopfNuss
KopfNuss
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9.11.2004
Redewendungen
Von Laf Überland

Spucknapf - Nicht auf den Boden spucken! - Naja klar! Birkenwasser - auch gut, für die Haare. Aber dann: Massagen, Zahnziehen, Schröpfen und kleine Notverbände - zugelassen zu den Berliner Vorortkrankenkassen!

Man findet diese Emailletafeln heute nur noch auf dem Flohmarkt: Aber früher, da waren sie - bitterer Ernst! So ernst, dass sie einem mitunter Zahnschmerzen machten.

Künstliche Zähne, Zahnoperation, Kronen und Brücken stand beispielweise auf den Emaille-Tafeln, die in den Salons der Friseure hingen.

Zwar wurde um 1906 die Dauerwelle erfunden, aber bis weit ins vorige Jahrhundert hinein war nämlich der Barbier auch Wundarzt, Hühneraugenschneider oder Masseur und betrieb die so genannte kleine Chirurgie. Außer dem Zahnziehen, dem Schröpfen und Klistieren versorgte er Stich- und Schussverletzungen, Brüche, Verrenkungen, Hautleiden und Geschwüre.

"Schockschwerenot!" brüllte der aus, der in dieser Situation noch brüllen konnte!

Werbung: Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt!

Nee, gebohrt eher nicht. Aber stattdessen steckte der frühindustrielle Friseur, nachdem er dem Kunden bereits alle Zähne gezogen hatte, um ihn noch zu rasieren, dann etwas in den Mund, das seine eingefallenen Wangen auseinanderspreizte - vorzugsweise einen hölzernen Löffel, und über diese künstlich aufgeblähten Wangen ging dann der Barbier mit seinem Rasiermesser. Und man kann nur von Glück sagen, dass hierzulande früher in einfachen Schichten mit dem runden Holzlöffel gegessen wurde und nicht, wie weit mehr Menschen im Erdenrund das machen, mit Eßstäbchen.

Nun gab es damals zwar noch nicht Hartz IV, aber dennoch benutzte der Barbier gewöhnlich für alle ärmeren Patienten denselben Löffel und ließ sie dennoch voll bezahlen. Dass das Betrug war, ganz genau genommen, zumindest Übervorteilung durch einen, der es sich leisten konnte, das mochte keiner seiner Patienten anmahnen, denn: Wer wusste schon, zu welchen Zangen und Brecheisen der Barbier beim nächsten Mal griff, bevor er den Patienten dann rasierte.

Der betuchtere Kunde jedoch kannte sich. Der ließ sich nicht einfach so über den Tisch ziehen, wie man heute sagt, indem er sich einen gebrauchten Löffel in den Mund stecken ließ, damit der Barbier ihn bequemer rasieren konnte. Der ließ sich nicht einfach so rücksichtslos behandeln, wie das die heute gesuchte Redensart meint.
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