KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
11.11.2004
Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Der Junge sammelt, was er draußen finden kann: tote Eidechsen, dahin geschiedene Schlangen, verwesende Fledermäuse. Der Gestank der Kadaver stört ihn nicht - stundenlang zeichnet er seine Objekte akribisch ab. Sein Vater erkennt das Talent und sucht nach Ausbildungswegen. Weil er unehelich geboren wurde, ist ihm ein Studium verwehrt. Sein Leben lang wird er unter mangelnden Lateinkenntnissen leiden. Mit Selbstbewusstsein macht er das Manko wett:

Ich weiß wohl, dass einigen Anmaßenden, weil ich nicht gelehrt bin, es scheinen wird, mich vernünftigerweise tadeln zu können, darauf hinweisend, ich sei ein Mann ohne literarische Bildung. Törichte Leute! Erfahrung ist meine Meisterin, und auf Erfahrung werde ich mich in allen Fällen berufen.

Bei einem angesehenen Maler geht er in die Lehre. Der Meister findet bald Gefallen an seiner Begabung und trägt ihm wichtige Aufgaben an. Eines Tages sieht der Meister, wie sein Lehrling einen Engel malt. Die Legende will, dass er daraufhin für immer den Pinsel niederlegt.

Erbärmlich ist jener Schüler, der seinen Meister nicht übertrifft! ,sagt sich der junge Mann - und so nimmt eine glänzende Karriere ihren Lauf.

Zart tönt er seine Bilder, wird zum ersten großen Lehrer der Luftperspektive, zum Schöpfer des modernen Landschaftsbildes. Er erforscht Optik und Klimatologie, um Wolken, Luftspiegelungen und Nebel besser darstellen zu können. Er experimentiert mit Farben, Grundierungen und Firnissen - nicht immer erfolgreich, manche seiner Gemälde zerfallen schon zu seinen Lebzeiten. In einem Jahrhundert, in dem das Sezieren von Menschen noch kirchlichen Einschränkungen unterliegt, zerlegt er eigenhändig über dreißig Leichen. Noch sechzigjährig klettert er nachts heimlich auf Friedhöfe, um an Tote zu gelangen.

Der Künstler, der Kenntnisse über die Eigenart von Sehnen, Muskeln und Reflexen erworben hat, wird bei der Bewegung jedes Gliedes genau erkennen, wie viele und welche Sehnen und Muskeln tätig geworden sind.

Nicht angezogene Puppen, sondern lebendige Menschen will er abbilden. Mit seiner einzigartigen Zeichentechnik kann er jedes Organ und jeden Muskel unter verschiedenen Blickwinkeln plastisch wiedergeben. Seine anatomischen Zeichnungen sind so präzise, dass Medizinstudenten noch heute damit arbeiten.

Die Mechanik ist das Paradies der mathematischen Wissenschaften; denn durch sie kommt man zur mathematischen Frucht.

Zahllose technische Erfindungen gehen auf ihn zurück - die meisten wirft er nur aufs Papier, noch fehlt eine Kraftquelle wie die Dampfmaschine. Er erfindet die Windmühle mit drehbarem Dach und den mechanischen Bratenwender, die Gaslampe und die Gelenkkette, den Gewindebohrer und das Tretboot in zwanzig Varianten. Er ersinnt Spinnapparate, Seilmaschinen und mechanische Vorrichtungen zum Tuchscheren. Ein Visionär ist er, ein Prophet:

Es wird Wagen geben, die von keinem Tier gezogen werden und die mit unglaublicher Gewalt daher fahren!

Er konstruiert Hebewerkzeuge, Pumpen, Bohrmaschinen, Drehbänke, Hobel- und Sägemaschinen, Walzvorrichtungen, Bagger, Schleusen und große Kanäle. Er zeichnet den ersten Fallschirm, hinterlässt zahllose Entwürfe von Flugmaschinen und Tauchapparaten. Seine Schaffenskraft sprengt alle Grenzen.
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