KopfNuss
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26.11.2004
O-Ton-Rätsel
Kaufhauserpresser Dagobert alias Arno Funke

Eine Art modernen Hauptmann von Köpenick sehen die einen in ihm, dem es immer wieder gelang, die Polizei mit spitzfindigen Ideen an der Nase herumzuführen und so seiner Verhaftung zu entgehen. Für die anderen ist er ein skrupelloser Verbrecher, der es kaltblütig in Kauf nahm, dass Menschen durch seine Aktionen Gefahr liefen, ernsthaft verletzt zu werden. Arno Funke, besser bekannt als Dagobert, der Kaufhauserpresser, spaltete Anfang der 90er Jahre die Nation wie kein anderer Verbrecher nach ihm. Zweimal erpresste er ein Kaufhaus. Jedes Mal unterstrich er seine Forderung mit selbstgebauten Sprengsätzen.

1988 schlägt Arno Funke erstmals zu: Im Mai deponiert der gelernte Schilderhersteller und Lackierer in der Kinderwarenabteilung des Berliner Kaufhaus des Westens eine Bombe, die in der Nacht explodieren soll und fordert in einem Brief 500.000 Mark Erpressungsgeld. Doch die erste Geldübergabe scheitert. Der Erpresser, der später immer wieder betont, er habe nie Menschen verletzen wollen, legt eine weitere Bombe. Dieses Mal deponiert er einen später explodierenden Sprengsatz in einer Vase und richtet beträchtlichen Schaden in der Glasabteilung des Kaufhauses an.

Diesmal hat die Bombe ihre Wirkung: Am 2. Juni wirft ein Geldbote das Geld auf ein Signal hin aus dem Fenster eines Zuges und Arno Funke sammelt es ein, ohne entdeckt zu werden, obwohl eine Großfahndung nach ihm läuft.

Vier Jahre lang ist es still um Funke. Dann schlägt er wieder zu: 1992 versucht der mittlerweile verheiratete Mann, den Karstadt-Konzern in Hamburg zu erpressen. Nur will er diesmal mehr: 1, 4 Millionen Mark so lautet seine Forderung, der er wieder mit einer Bombe Nachdruck verleiht. Zudem geht Funke diesmal spitzfindiger vor: Die Kleinanzeige, mit der Karstadt seine Verhandlungsbereitschaft signalisieren soll, lautet: "Dagobert grüßt seine Neffen." Die Annonce wird deutschlandweit bekannt und macht aus Arno Funke "Dagobert".

Was nun beginnt, wird zum großen, zwei Jahre andauernden Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Erpresser, wobei letzterer oft die Lacher auf seiner Seite hat. Dagobert baut für die Geldübergabe Loren für Eisenbahngleise, konstruiert Spezialabwurfbehälter für Züge und versieht Sandbehälter mit doppelten Betonböden. Er gräbt sich durch Wasserkanäle und kriecht durch Mauerlöcher und Abflussrohre.

Seine kriminelle Kreativität und Ausdauer kennt scheinbar keine Grenzen, auch wenn er nie echtes Geld, sondern immer nur Blüten erhält. Auch die Polizei versteht das Spiel zu spielen. Sie zögert die Geldübergabe immer wieder hinaus oder wirft anstelle des geforderten Geldes Bündel mit Zeitungspapier ab.

Zeitweilig machen bis zu 2000 Polizisten Jagd auf Dagobert. Sie suchen ihn per Helikopter, per Autostreife und zu Fuß. Immer ohne Erfolg. Doch nach fünf gezündeten Bomben wird es für den Erpresser immer enger: Einmal bekommt ein Polizist ihn nach einer gescheiteren Geldübergabe am Kragen zu fassen, rutscht aber auf Hundekot aus und Dagobert gelingt erneut die Flucht.

Ein anderes Mal misslingt eine Geldübergabe, weil Mitreisende den Polizisten, der das Geld aus dem Zug werfen will, für einen Lebensmüden halten und mit Gewalt von der Wagontür wegreißen. Die groß angelegte Fahndung muss abgeblasen werden und Dagobert marschiert unbehelligt an seinen Verfolgern vorbei.

Trotz insgesamt 40 gescheiterter Geldübergaben lassen beide Seiten nicht locker. "Aber irgendwann war die Luft raus", sagt Arno Funke später in einem Interview. "Meine Telefonate mit der Polizei wurden immer länger. Ich wurde unvorsichtig. Ich glaube, ich wollte einfach, dass es vorbei ist und sie mich schnappen."

Am 22. April 1994 schließlich geht eine der größten Verbrecherjagden der 90er Jahre zu Ende. Unspektakulär. Dagobert wird in einer Berliner Telefonzelle verhaftet, nachdem ihn die Polizei per Fangschaltung lokalisiert hat. "War halt ein schlechter Tag", sagt er zu den Beamten, die ihn abführen. Im Juni 1996 verurteilt ihn das Berliner Landgericht zu neun Jahren Haft, von denen er allerdings nur zwei Drittel absitzen muss.
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