KopfNuss
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24.12.2004
O-Ton-Rätsel

Als Emanzipation des modernen Theaters hat man es gefeiert, als Paradestück des absurden Theaters wurde es betitelt. Beckett selbst hat diese Etiketten immer abgelehnt. Ihm war auch selber nie bewusst, was für eine Wirkung dieses Stück entfalten könnte. Das Publikum und die Kritiker aber traf es schon bei seiner Uraufführung 1953 in Paris ins Herz. Die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb damals: "Es ist noch niemand so weit gegangen. 'En attendant Godot' ist so sehr allem bis anhin Gesehenen voraus, dass es streng genommen unmöglich ist, ihm mit deutenden oder auch nur beschreibenden Worten nachzukommen."

Auf manche Zuschauer hatte es eine so tiefgreifende Wirkung, dass es geradezu als bewusstseins- oder existenzverändernd wahrgenommen wurde. Dabei passiert in diesem Stück eigentlich nichts. Es gibt im klassischen Sinn keine Handlung, keine Entwicklung, keine überraschenden Wendungen. Es gibt nur das Warten auf eine Wendung, während dem sich außer Langeweile nichts Wesentliches entwickelt.

Als Beckett "Warten auf Godot" schrieb, war er schon über 40 und hatte als Schriftsteller weder große Erfolge noch eine lange Laufbahn vorzuweisen. 1906 in Irland geboren, hatte er von 1923 bis 1927 Romanistik am Trinity College in Dublin studiert, wo er zunächst seinen Bachelor und 1931 seinen Master erhält. Im Anschluss arbeitet er dort als Französischlehrer, aber nach einem Jahr gibt er die Stellung auf, obwohl einer weiteren Hochschulkarriere nichts im Wege steht. Sein einziges Hindernis ist er selbt. Er hält die geregelte Arbeit nicht mehr aus und flieht 1932 geradezu aus seinem Job und seinem Leben, zuerst nach Deutschland, dann nach Frankreich.

Da er weder Geld noch Papiere besitzt, kehrt er bald nach London zurück und dann zu seinen Eltern nach Irland. Mit 26 fühlt er sich gescheitert. Als im folgenden Jahr sein Vater stirbt, zieht er mit seiner kleinen Erbschaft nach London, wo er die nächsten Jahre ärmlich lebt. Er schreibt seine ersten Romane, die zunächst unveröffentlicht bleiben, ohne als Schriftsteller zu wissen, was er will.

1937 siedelt er nach Paris über. Dort erlebt er den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und die Invasion der Nazis, vor denen er nach Südfrankreich flieht, wo er einen weiteren Roman, Watt, schreibt. Seinen persönlichen Durchbruch, an den sich Jahre später der berufliche anschließt, erlebt er erst nach dem Krieg, als er seine Mutter 1946 in Irland besucht.

Er ist fast 40, als ihm jenes Erlebnis zuteil wird, das sein Schreiben in neue Bahnen lenkt. Es ist eine Art Erweckungserlebnis, als ihm seine eigene Dummheit klar wird und er erkennt, worauf er sein Schreiben gründen muss. Nicht auf sein gelerntes Wissen, seine Intellektualität, sondern auf sein Gefühl will er sich fortan verlassen, um die richtige Sprache zu finden. Es hilft ihm, dass er zusätzlich die Landessprache wechselt, in der er schreibt, um den gewohnten Automatismen zu entgehen.

Fortan verfasst er seine Werke auf Französisch (und übersetzt sich später zum Teil selbst zurück ins Englische). 1948 entsteht "Warten auf Godot", das ihn nach der Aufführung fünf Jahre später zu einer Berühmtheit werden lässt. Das Geheimnis dieses Erfolges haben viele Kritiker und Interpreten zu ergründen versucht. Einigkeit besteht meist in der Erfahrung, dass es die Bühne zu einem existentiellen Ort werden lässt.

Menschen, die Beckett getroffen haben, beschreiben ihn als einen, der das Schweigen und die Einsamkeit liebt. Von sich selbst sagt er, dass er keine Philosophen liest, weil er sie nicht versteht, dass er überhaupt fast nichts mehr liest seit er schreibt, weil diese Tätigkeiten sich gegenseitig ausschließen, und dass er es genießt, dem Lauf der Sonne zuzusehen. Zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1969 erscheint er nicht. Sein Verleger nimmt den Preis entgegen. Beckett stirbt 1989 in Paris.
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