KopfNuss
KopfNuss
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23.12.2004
Harte Nuss
Gesucht wird ...

In einer kleinen Stadt unweit von Paris wird er geboren und verlebt, zunächst, eine glückliche Kindheit. Mit seinen drei älteren Geschwistern spielt er im Haus und auf der Straße - oder beobachtet den Vater in der Sattler- und Leder-Werkstatt. Die vielen Werkzeuge haben es dem Kleinen angetan.

Eine spitze Leder-Ahle wird ihm zum Verhängnis - er erleidet einen folgenschweren Unfall. Einer seiner Biografen berichtet:

Die Eltern möchten dem Jungen trotz des Unfalls ein erfülltes und glückliches Leben ermöglichen und fördern ihn, so gut es damals geht. Er muss dem Vater in der Werkstatt helfen und seiner Mutter im Haus zur Hand gehen. Morgens holt er sogar Trinkwasser vom Brunnen, obwohl der Weg lang und steinig ist.

Mit sieben Jahren darf er auf die Dorfschule - um mit Kindern zu lernen und zu lachen, die keinen Unfall hatten wie er. Ein lächelndes Träumen, so heißt es, sei seither einer seiner bemerkenswertesten Charakterzüge gewesen. Als seine Eltern von einer neuen Schule in Paris hören, ist die Zeit der Kindheit vorbei. Der Zehnjährige verlässt das Dorf und findet in dem Pariser Institut für lange Jahre seine neue Heimat.

Die Ausbildung ist hart und streng. Wer nicht gehorcht, wird geschlagen oder eingesperrt. Die Kinder lernen Grammatik, Rechnen, Geographie, Geschichte und praktische Fertigkeiten im Flechten. Die Lehrer unterrichten mündlich, nur manchmal kommt Lektüre hinzu.

Die Bibliothek der Schule umfasst ganze vierzehn Werke, unhandlich und schwer mit aus Kupferdraht gebogenen Buchstaben.

Auf den Musikunterricht am Nachmittag freut sich der Junge besonders. Im Musikzimmer der Schule wird gesungen, geflötet und Klavier gespielt, alles zur selben Zeit. Schritt für Schritt macht er sich mit dem Klavier vertraut.

Die Musik wird zur großen Liebe seines Lebens. Schon nach wenigen Jahren spielt er so hervorragend Orgel, dass alle Kirchen in Paris ihn willkommen heißen. Und kaum der Schule entwachsen, wird er selbst Lehrer dort - ein freundlicher Pädagoge, den die Schüler achten und bewundern. Doch die vielen Jahre in der feuchten, schlecht beheizten Schule schaden ihm sehr. Mit zwanzig Jahren erkrankt er an Tuberkulose, mit nur dreiundvierzig stirbt er nach Jahren der Auszehrung und Entkräftung.

Eines hat er nicht mehr erlebt - den Siegeszug seiner Erfindung, für die er ein Leben lang kämpfte. Schon als Zwölfjähriger tüftelt er daran, nachts unter der Bettdecke, während seine Kameraden schlafen. Oft hört er die ersten Kutschen des erwachenden Paris über das Pflaster rumpeln, bevor er sich eine Stunde Schlaf gönnt. Eines Tages - er ist fünfzehn Jahre alt, hat seit drei Jahren nichts anderes als die Erfindung im Kopf - sitzt er in den Ferien bei seinem Vater in der Werkstatt. Er nimmt, einer letzten Eingebung folgend, erneut die spitze Leder-Ahle zur Hand und drückt sie in einen festen Karton.

Sein bestechend einfaches System funktioniert perfekt. Wie scharfsinnig der Junge vorgeht, kann daran gemessen werden, dass er den Weitblick besitzt, das System so zu entwerfen, dass es eine Anpassung an nationale Besonderheiten erlaubt.

Der Geniestreich des Jugendlichen öffnet die Welt - ihm selbst und Zehntausenden, die so leben wie er. Endlich gibt es ein handliches System, das man nicht nur nutzen, sondern auch aktiv selbst anwenden kann.

Sein Leben lang muss der Erfinder gegen Vorurteile kämpfen. Das neue System wird an Schulen zeitweise verboten. Die Obrigkeit befürchtet, dass sich damit auch nicht-religiöse oder gar sexual-aufklärerische Inhalte verbreiten lassen.

Genau so ist es - glücklicherweise. Als das System sich endlich durchsetzt, liegt der Erfinder schon im Grab. In seinem Testament lobt er seine Kollegen, seine Schüler, seinen Krankenwärter und selbst die Hausangestellte, die sein Zimmer in Ordnung hielt. 1952 wurden seine sterblichen Überreste nach Paris ins Pantheon überführt - der letzten Ruhestätte für Frankreichs nationale Helden.
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