KopfNuss
KopfNuss
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30.12.2004
Harte Nuss
Gesucht wird ...

Er ist ein Mythos, ein Spuk der Statistik, der Teufel, der an die Wand gemalt wird. Er ist tägliche Realität für viele. Wie viele? Die Wissenschaft weiß es nicht. Die Verwirrung beginnt schon bei der Definition: Ist er juristisch, ökonomisch, psychologisch, soziologisch zu fassen? Je nach Maßstab gehört mal halb Deutschland dazu, mal schrumpft er zur Randerscheinung. Und warum eigentlich "er"? Schließlich ist er mal Mann und mal Frau, wobei er als Frau - wenn die Statistik nicht irrt - in der Regel intelligenter, gebildeter, gesünder und glücklicher ist denn als Mann. Und in der Regel auch glücklicher als Frauen, die nicht dazu gehören.

Er steht für Unabhängigkeit und Selbstbestimmung - und für die Tristesse moderner Zeiten. Vor allem in der Großstadt ist er anzufinden - hier macht er Karriere, hier trifft er Menschen, die genau so sind wie er.

Seit den 90er Jahren boomt er - zumindest in den Medien. Aus jeder zweiten Zeitschrift blickt er uns entgegen, mal als große Freiheit und sexuelle Verlockung gepriesen, mal bedauert als Riesenfrust. Eine ganze Industrie hat sich um ihn herum gebildet - Ratgeber stehen ihm zur Seite, Soziologen und Zukunftsforscher gehen ihm auf den Grund, Agenturen profitieren von ihm, indem sie versprechen, ihn zum Verschwinden zu bringen. Jung, zahlungskräftig und unerlöst soll er sein Geld in Ersatzbefriedigungen investieren. 2001 fand sogar die erste Weltmesse statt - nur für ihn. Mehr als 100 Aussteller versprachen ihm, wenn schon nicht große Glück, so doch die kleine Beglückung.

Grillkombination, klein und schnell gereinigt! Multifunktionales Ofengerät im Din-A4-Format, gart Lebensmittel aller Art in Minutenschnelle! Infrarot-Kabine, ersetzt in kleinen Wohnungen die Sauna! Minifußpumpe! Massagegerät für den Nacken mit Einhandbedienung! Entspannungsbrille - sendet bei geschlossenen Augen Lichtimpulse!

Die Messe produzierte für einen Mythos. In Wahrheit ist er selten reich und unabhängig. In der Regel trägt er gerade mal 1000 Euro im Monat nach Hause, oft lebt er von der Sozialhilfe. Vor allem für Männer im mittleren Lebensalter ist dieser Zustand gar nicht gesund - sie ernähren sich schlecht, trinken zu viel Alkohol, verdienen zu wenig, kümmern sich nicht um Krankheiten, ihre Lebenserwartung sinkt.

Noch bis weit ins 19. Jahrhundert gehörte in ländlichen Gegenden die Hälfte aller Erwachsenen automatisch dazu: Knechte auf Bauernhöfen, Dienstmägde und Gesinde konnten sich gar nichts anderes leisten. Dagegen ist er heute fast selten: Gerade mal fünf Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer zählen dazu. Dennoch entzündet sich derzeit ein wahrer Kulturkampf um ihn: Konservative zeihen ihn als Egoisten und Sozialschmarotzer, er soll mehr Steuern zahlen als andere und zum Dienst an der Gemeinschaft gezwungen werden. Die komplexe Wirklichkeit bleibt dabei außen vor. In der baut er sich mit viele Mühe eigene Netze - von "urban tribes", urbanen Stämmen", spricht die Soziologie.

In seiner heutigen Erscheinungsform ist er ein modernes Produkt - durch und durch. Er passt sich dem neuen Arbeitsmarkt an, der Flexibilität und Mobilität verlangt. Für ihn trägt niemand die Verantwortung, niemand fängt ihn auf. Autonomie ist seine Devise, mit Disziplin und geistiger Beweglichkeit muss er kompensieren, was an äußeren Gerüsten fehlt. Er ist auch ein Produkt unseres Reichtums - frei wählt er seine Biografie, macht Karriere, wirft Normen über Bord und muss im Gegenzug mit Klischees und Vorurteilen leben. Er sei ein "Pionier der Moderne" sagen Soziologen, halb Anerkennung, halb bedrohlicher Urteilsspruch. Selbst hat er wohl keine Zeit, über sein Dasein zu philosophieren - als Fisch ohne Fahrrad schwimmt er durch eine unsicher gewordene Welt.
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