KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
6.1.2005
Die Harte Nuss
Gesucht wird...
Von Susanne Billig

Diese Substanz liegt - aus aktuellem Anlass - so sehr im Trend, dass sich die Nachfrage derzeit kaum befriedigen lässt. Sechs Tage die Woche in drei Schichten müssen die Arbeiter einer Freiburger Produktionsstätte an die Maschinen. Sie stellen mehr als achtzig Tonnen die Woche her. Dennoch kommt es immer wieder zu Lieferengpässen. Warum nicht selber machen, denkt sich die patente Heimwerkerin. Doch das ist gar nicht so einfach.

Ein buschiges, etwa einen Meter hohes Gewächs aus der Gattung der Glyzinen liefert den Rohstoff für diese Substanz. In behaarten, knochentrockenen Hülsen wächst der Rohstoff heran. Diese Substanz ist nur ein Produkt neben vielen anderen, das sich daraus gewinnen lässt. Chinesische Mönche sollen die Substanz vor rund zweitausend Jahren ersonnen haben - als Ersatz für das, was die Klosterregeln ihnen versagten. Mit dem Buddhismus fand die Substanz in ganz Asien ihre Heimat. In Japan verlieh man ihr die Vorsilbe "o"- die Ehrwürdige.

Der europäische Durchbruch kam in den sechziger Jahren. Eine Landkommune im bayerischen Wald soll der Ausgangspunkt gewesen sein: Ein Mann, der in der Welt umhergekommen war, baute die erste Produktionsstätte - eine Holzfeuerstelle in einem großen Kessel, Pflastersteinen darauf gepresst, die von einer Baustelle geklaut worden waren. Daraus wurde eine kleine Industrie. Heute bemühen sich Bauern am Oberrhein sogar mit einigem Erfolg, den Rohstoff für die Substanz in Deutschland anzubauen.

Das Endprodukt all dieser Mühen ist, gelinde gesagt, wenig ansprechend: gräulich von Farbe, weichlich in der Konsistenz, nichts für die Sinne - doch genau darin liegt ihre Macht. Sie, der so ungefähr alles fehlt, regt die Phantasie an und fordert zu kreativen Experimenten heraus. Variationen und Kombinationen aller Art sind denkbar - da ist sie ihrem farbenkräftigen Gegenspieler gar nicht so unähnlich. Was ihre Gesundheit angeht, kann niemand sie schlagen: Alle acht essentiellen Aminosäuren sind ihr enthalten. Sie ist hocheiweißreich, kalorienarm und cholesterinfrei, besitzt kaum schwerverdauliche gesättigte Fettsäuren, wirkt im Organismus basisch, enthält wenig Kohlenhydrate, dafür Eisen, Magnesium, Kalium, Nikotinsäure, Kupfer, Kalzium, Zink und Phosphor, Folsäure, Vitamin B1, B2, B6 und Linolsäure. Sogar Isoflavone hat man in ihr gefunden, die möglicherweise das Krebsrisiko vermindern können.

Das Eiweiß in dieser Substanz hat nur ein Zwanzigstel der Landmenge benötigt, als wären Tiere aufgezogen worden. Die USA verbrauchen mehr als ein Drittel ihrer gesamten Rohmaterialien und ihres fossilen Brennstoffes für die Aufzucht von Tieren. Über neunzig Prozent aller Ammoniak-Emissionen stammen aus deren Kot und Harn. Millionen von Schlachttieren atmen Methan in die belastete Atmosphäre. Von etwas mitgeschöpflicher Moral ganz zu schweigen - es gibt viele Gründe, es mit dieser Substanz zu versuchen. Mit etwas gutem Willen liegen sie sogar im kulinarischen Bereich.
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