KopfNuss
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14.1.2005
O-Ton-Rätsel

Es wird geboren, es muss versorgt werden, es will spielen und wenn es krank wird, bekommt es Medizin. Es verlangt ständig nach Aufmerksamkeit und wenn es die nicht bekommt, wird es sich böse entwickeln. Es meldet sich zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten, außer wenn es schläft. Mit anderen Worten: es stiehlt einem unglaublich viel Zeit, und das für etwa 15 Euro, die das Tamagotchi umgerechnet gekostet hat.

Das Cyber-Tier im eiförmigen Schlüsselanhänger, mit dem die japanische Firma Bandai Ende 1996 den Markt für Kinderspielzeug überrollte, weckte ein paar Monate lang bei Kindern und jungen Erwachsenen gleichermaßen Begehrlichkeiten. Das "niedliche, kleine Ei", wie die Übersetzung von Tamagotchi im Deutschen lautet, ging in Millionenstückzahl weltweit über die Ladentheke und schaffte es sogar, bei Pädagogen und Kulturphilosophen Debatten zu entfachen über den möglichen Schaden und Nutzen der kindlichen Auseinandersetzung mit dem virtuellen Küken.

Die einen glaubten, das Tamagotchi erlaube es Verantwortung für die Aufzucht der digitalen Lebensform zu erproben, die anderen fürchteten umgekehrt, das Spielzeug führe zu einer Verrohung des Verantwortungsbewusstseins, da die Kinder es gedankenlos verhungern oder mit Liebesentzug strafen konnten, nur um zu sehen, wann es sich in ein "böses" Küken verwandelte. Und für den Fall, dass es starb, gab es immer den Reset-Knopf, um ein neues Küken schlüpfen zu lassen.

Dieses erwachsene Denken über ein harmloses Spielzeug ging am Umgang der Kinder mit dem Tamagotchi weit vorbei, wie eine psychologische Studie zeigte. Nur Erwachsene kamen auf den Gedanken, einen Schlüsselanhänger als Surrogat für ein Kind oder Haustier zu benutzen und daran ihr eigenes Verantwortungsbewusstsein zu messen.

Die Invasionen der Eier verlangte trotzdem in manchen Schulen harte Maßnahmen. Tamagotchis wurden vielerorts aus dem Unterricht verbannt, weil die Schüler mehr am Überleben ihres Spielzeugs als am Unterrichtsstoff interessiert waren. Die Fürsorge ließ sogar einen Internetfriedhof für verstorbene Tamagotchis entstehen.

Der Hype verschwand, nachdem Nachahmer den Markt mit Tamagotchivarianten für die Hosentasche und den PC überschwemmt hatten. Der Versuch einer Wiederbelebung des Tamagotchi mit mehr Funktionen im Sommer 2004 blieb fast unbemerkt. Der einstige Erfolg lässt sich heute, wo jeder auf seinem Handy mehr und interessantere Spiele jederzeit verfügbar hat, wenn ihm danach ist, wohl auch nicht mehr wiederholen.
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