KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
13.1.2005
Die Harte Nuss
Gesucht wird...
Von Susanne Billig

Dies ist ein kostbares Gut, das man nicht kaufen kann. Es will gewonnen werden, aber nicht an Roulette-Tischen und nicht in Millionenshows. Wir alle müssen mit Unwägbarkeiten leben. Wir müssen handeln, obwohl wir keine Ahnung haben, wie sinnvoll unser Handeln ist. Wer nur dann aktiv werden wollte, wenn es Gewissheit gäbe, der käme nie dazu. Doch die große Kluft zwischen Erwartung und Gewissheit ist schwer auszuhalten. DIESES kostbare Gut spannt sich als Brücke darüber. Es nimmt die Zukunft voraus und schließt Frieden mit dem, was noch nicht stattgefunden hat. Es ist ein Sprung im Kopf, ein ebenso riskantes wie lohnendes Unterfangen. Es legt sich als sanfter Schleier über die Welt und macht sie leichter und einfacher.

In der modernen Gesellschaft hat es eine besondere Bewandtnis mit diesem Gut. Damit hat sich der Soziologe Niklas Luhmann vor vielen Jahren bahnbrechend befasst. In archaischen Gesellschaften wurden die Menschen in dieses Gut gleichsam hineingeboren: Man wusste, wer man war, mit wem und warum. Man kannte einander und konnte sich persönlich vergewissern, ob der andere des Gutes würdig war oder nicht. Denn Kontrolle ist gut und der Körper verräterisch: Der Mund spricht, aber auch die Hände und das Gesicht. Heute müssen wir das kostbare Gut in höchst abstrakte Systeme investieren - in Geld, in Macht und in Wahrheit. In Symbole - weiße Kittel und graue Westen, Börsenkurven und den tapferen Blick des Nachrichtensprechers, der uns signalisiert: Die Lage ist ernst, aber wir haben hier alles im Griff.

Politiker können ohne das Gut nicht existieren - sie tun alles für seinen Besitz. Ihre wichtigste Waffe in diesem Kampf: Das Fernsehgerät, vor dem wir sitzen. Und auf dem Bildschirm, siehe da: ein Mensch. Vielleicht ist er britischer Landwirtschaftsminister und füttert seine kleine Tochter mit britischem Rindfleisch. Vielleicht ist er deutscher Umweltminister und schwimmt quer durch den Rhein. So etwas nennt sich "symbolische Führung": Es geht nicht darum, ein Problem tatsächlich zu lösen, sondern uns glauben zu lassen, dass es lösbar sei und dass eine Lösung entschlossen in Angriff genommen werde.

So haben sich die Erkenntnisse der Soziologie längst in Marketingstrategien verwandelt. PR-Abteilungen präsentieren uns Menschen und Gefühle - ganz gleich, worum es geht. Ein Meister im Kampf um das kostbare Gut war US-Präsdent Ronald Reagan. Er kürzte die Gelder für das Erziehungswesen - und winkte vor Schulen mit lachenden Kindern in die Kameras. Seine Berater ärgerten sich darüber, dass der Präsidenten auf seinem Weg zum Hubschrauber so oft von Journalisten angesprochen wurde. Sie befahlen dem Piloten, den Rotor schon früher anzuwerfen: Der Präsident tat fortan so, als hörte er die Fragen nicht, und sprang eifrig im Dienste seines Landes in das Fluggerät. Jede seiner seltenen Pressekonferenzen übte der Präsident stundenlang in Rollenspielen.

Als Kinder lernen wir alle mehr oder weniger erfolgreich, uns das kostbare Gut schenken zu lassen und es zu verschenken. Wir werden großzügig und richten sogar ein Konto ein, das jeder überziehen darf. Nur wenn das zu häufig und zu unverschämt geschieht, sperren wir das Konto. In der Politik schnurren dann die Symbole rasch zusammen zu dem, was sie sind - unüberprüfbar, für den Anschein gemacht.

Das kostbare Gut löst sich auf, und plötzlich wechseln in Argentinien die Präsidenten im Zweiwochenrhythmus. In den USA geht die Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung längst nicht mehr zur Wahl. Die Menschen haben eine Entscheidung getroffen, die so trist wie simpel ist: Was wäre sicherer, als das kostbare Gut in erster Linie sich selbst zu schenken?
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