KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
20.1.2005
Harte Nuss...
Gesucht wird...
Von Susanne Billig

In der ganzen Welt gibt es keine gehorsameren Untertanen als sie. Sie erweisen ihren Herren Ehrfurcht und wagen es nicht, sie anzulügen. Selten stoßen sie Scheltworte gegeneinander aus, nie artet Zank in Tätlichkeiten aus, auch dann nicht, wenn sie betrunken sind, und sie betrinken sich viel. Streit, Totschlag und Räuberei findet man bei ihnen nicht.

Ach, hätte der Reisende, der diese Zeilen schrieb, nur Recht gehabt. Doch ER, der Übervater seines Volkes, verlangte Mord und Raub im großen Stil. Noch Ende des zwölften Jahrhunderts lebten seine Leute als unbeachtete Nomaden im Herzen ihres Kontinentes, aufgesplittert in Stämme und Clans.

Bei seiner Geburt soll er einen Klumpen geronnenen Blutes in der Hand gehalten haben, geformt wie ein Edelstein. Die Schamanen prophezeiten, dass aus dem Jungen ein gewaltiger Krieger werden würde.

Neunjährig musste er erleben, wie sein Vater - Anführer eines kleinen Stammes - ermordet und seine Mutter von den einstigen Bündnisgenossen im Stich gelassen wurde. Danach kannte er nur noch ein Ziel: absolute Herrschaft zu erlangen. Zunächst sammelte er die Hirtenstämme, Jäger und Fischer geschickt um seine Person. Als die Stämme ihn endlich zu ihrem Herrscher ausriefen, gebot er über dreißig Völkerschaften und einhunderttausend Krieger.

Er zerschlug die Stämme und teilte sein Volk in Einheiten zu zehn, hundert und tausend Familien auf. Er wurde als Gesetzgeber tätig und führte eine Schrift ein, um Vorschriften besser verbreiten zu können.

Nun galt es, die Welt zu erobern. Zunächst unterwarf er die ungeliebten Nachbarn, der Legende nach ließ er jeden hinrichten, der länger als die Achse eines Wagens war.
Danach verwüstete er das mächtige Königreich der Chin-Dynastie. Der Klang seiner Kriegstrommeln, die von vier Männern getragen werden mussten, verbreitete schieres Entsetzen. Um eine Stadt zu erobern, ließ er so viele Gefangene töten und aufschichten, dass seine Krieger auf den Leichen über die Stadtmauern klettern konnten.

Mit dem Handel über die Seidenstraße wollte er sein Volk reich machen. Als eine seiner Karawanen ausgeraubt wurde, organisierte er einen barbarischen Rachefeldzug. Blühende Metropolen fielen in Schutt und Asche. Noch heute zeugen Geisterstädte im Mittleren Osten von den Grausamkeiten. Den örtlichen Klerus ließ er meist unangetastet, dafür ließ er die Bevölkerung ausrotten und deportierte Künstler und Gelehrte ins eigene Land.

Bald regierte er über ein Weltreich, das vom japanischen Meer bis zum Baltikum, von Korea bis nach Ostdeutschland reichte. Eine Zeit lang konnte ein Reisender sicher von Rom bis nach Peking gelangen.

Einmalig in der Geschichte. Nur dank einer Laune des Schicksals blieb Westeuropa von seinen Truppen verschont. Kurz bevor der Jüngste Tag anbrach, verschwanden die schrecklichen Krieger plötzlich. Innenpolitische Aufgaben riefen sie in die ferne Heimat zurück.

Kein Herrscher hat in einer Lebensspanne je ein größeres Reich erobert. Zehn bis fünfzehn Millionen Menschen starben dafür. Mehrere Völker wischte er für immer vom Gesicht der Erde. Im Alter von fünfundsechzig Jahren zog er sich bei der Jagd schwere Verletzungen zu. Noch auf dem Sterbebett gab er den Befehl, ein weiteres Volk vernichten zu lassen.

Heimlich wurde er begraben, so war es Brauch in seinem Volk. Archäologen aus aller Welt suchen bis heute nach seinen sterblichen Überresten. Sein Land lebt heute im Elend eines Raubtierkapitalismus: Vierzig Prozent der Menschen fristen ihr Dasein von weniger als einem Dollar am Tag, während Luxuslimousinen durch die Straßen rasen. In diesen verwirrenden Zeiten stieg er zum neuen Säulenheiligen auf: Sein Konterfei prangt auf Bierdosen, Wodkaflaschen und Hotels.

Die Regierung plant ernsthaft, das Zentrum des alten Reiches wieder aufzubauen, um die Hauptstadt dorthin zu verlegen. Der Herrscher hinterließ die Philosophie seines Lebens in einem berühmten Zitat:

Das höchste Glück des Mannes ist, seine Feinde zu zerschlagen, sie vor sich herzujagen, ihnen all ihren Besitz zu entreißen, in Tränen die Wesen zu sehen, die ihnen teuer sind, und ihre Frauen und Töchter in seine Arme zu drücken.
-> KopfNuss
-> weitere Beiträge
-> Kopfnuss-Lösung 20.1.2005