KopfNuss
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27.1.2005
Harte Nuss
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Von Susanne Billig

In einem Tal in der Schweiz, zwischen Bern und Paris, lebten einst zwei Schwestern. Ihre Erfindung sollte die Metropolen der Welt in Erregung versetzen: New York, Chicago, San Francisco, New Orleans, Buenos Aires und Paris. Die Erfindung der Schwestern glänzte mit geheimnisvollen Kräften, die einem Busch entstammten, etwa einen Meter hoch, mit hübschen, gelblichen Blättern.

Die Legenden über die Wirkungen des Beifußgewächses reichen bis in die Antike zurück. Als Tee oder Tinktur sollte die Pflanze bei Magen- und Gallenbeschwerden helfen. Man verwendete sie zum Schwangerschaftsabbruch, gegen Spulwürmer und Malaria. Im Mittelalter glaubte man sogar, die Pflanze könne die Pest fern halten, wenn man sie unter das Kopfkissen legte.

Die beiden Schwestern verkauften ihre Erfindung - doch vierzig Jahre lang tat sich nicht viel. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts führte Frankreich seinen Eroberungskrieg gegen Algerien. Die französischen Soldaten erhielten die schwesterliche Erfindung gratis zum Kämpfen dazu - ob zur Abwehr von Mikroben oder zur Steigerung der Kampfmoral, das ist nicht überliefert. Als die Soldaten nach Frankreich zurückkehrten, machten sie die Erfindung rasch populär.

In Frankreich näherte man sich der Erfindung vor allem nachmittags. Besondere Rituale führten dazu, dass sie die Farbe auf interessante Weise wechselte - das regte die Künstler zum Sinnieren und Philosophieren an. Bald tauften sie die Erfindung auf den Namen "grüne Fee". Die geweihte Stunde am Nachmittag hieß "l'heure verte" - die grüne Stunde. Zum Ritual gehörte ein mit feinen Löchern versehener Löffel, der bisweilen angezündet wurde. Gauguin, Picasso, Monet und Toulouse-Lautrec verewigten die grüne Fee in ihren Bildern.

Sie öffne "die Pforten der Wahrnehmung" schrieb Aldous Huxley. Der Dichter Charles Baudelaire färbte sich nach ihrem Vorbild die Haare grün. Und Oscar Wilde begeisterte sich:

Das erste Stadium ist normal. Im zweiten fängt man an, ungeheuerliche, grausame Dinge zu sehen. Aber wenn man es schafft, nicht aufzugeben, kommt man in das dritte Stadium, in dem man Dinge sieht, die man sehen möchte - wundervolle, sonderbare Dinge.

Ob die Fee ihre sanfte, grausame Hand im Spiel hatte, als sich Vincent van Gogh seiner Ohrmuschel entledigte, ist unklar. Dass seine gelbe Malperiode nur IHREM Wirken zu verdanken sei, gehört wohl ins Reich der Legenden. Doch nicht nur Künstler huldigten der Fee - jenseits der großen Boulevards, in den schäbigen Vierteln von Paris, dauerte die grüne Stunde der Armen von morgens bis tief in die Nacht. Ärzte zeichneten die klinischen Symptome auf:

Haarausfall, bleicher Teint, Schädigung des Sehnerves, Schwindel, Ohrprickeln, Taubheit, Erregung, gefolgt von tiefer Depression; Halluzinationen; Kopfschmerz; Krämpfe; Psychosen; Demenz; Schlaflosigkeit; Verlust der Libido; lärmendes und aggressives Verhalten; Angst; Gesichtszucken; Fehlbewegung und Lähmung von Lippen und Zunge. Röchelnde Atmung, Mundtrockenheit, morgendliche Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit, Nierenversagen.

Damals glaubte man noch, erworbene Eigenschaften könnten sich vererben. Das fachte die Diskussion heftig an: Ginge der Missbrauch der Fee einst auf sämtliche Nachkommen über? Als ein Mann in Lausanne unter dem Einfluss der Fee seine Familie meuchelte, schlug die öffentliche Stimmung um - die Fee musste sterben. Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde sie in fast allen europäischen Ländern verboten. Möglicherweise war nicht hehre Moral der Grund, sondern ein Politikum: eine andere Industrie hatte großes Interesse daran, die unliebsame Konkurrentin aus dem Wege zu schaffen.

Seit 1981 darf die Fee wieder durch Deutschland schweben, seit 1991 auch mit den Wirkstoffen des wundersamen Busches. Was die vielen Legenden um ihre geheimnisvollen Wirkungen angeht, sind moderne Forscher skeptisch. Tatsächlich weisen die Wirkstoffe eine äußere Ähnlichkeit mit den Wirkstoffen von Marihuana auf. Tierversuche haben jedoch ergeben, dass der Körper ganz anders darauf reagiert. Wenn Oscar Wilde Halluzinationen hatte, dann lag es nicht am geheimnisvollen Zauberstab der Fee - sondern schlicht am vielen Alkohol.
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