KopfNuss
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21.1.2005
O-Ton-Rätsel

Seit mehr als 40 Jahren lebt Bob Dylan in dem Versuch seinem Mythos gerecht zu werden. Legenden und Geschichten ranken sich um den Mann, der eine Ikone der jugendbewegten frühen 60er Jahre war, der Protest zum Lebenszustand erhob, und der mit seinen Liedern mehr war, als nur eine weitere Figur im Geldgeschäft des Rock ‘n‘ Roll.

In Hibbing; Minnesota, als Robert Allen Zimmermann geboren, war er ein eher mäßiger Gitarrist, ein nölender Sänger, hager im Gesicht und mit schlaksiger Figur - eigentlich das Abziehbild eines Rockstars. Aber Dylan ist ein Mann mit vielen Gesichtern, scheu, von der eigenen Lebens- und Erfolgsgeschichte mehr verschreckt als angetan, taucht immer wieder ein neuer, manchmal überraschender Bob Dylan in der Öffentlichkeit auf.

Als 14-jähriger gründet er seine erste Band, die - ganz dem Geschmack der Zeit folgend - Songs von Little Richard spielt. Erst Jahre und unzählige erfundene Geschichten später - Dylan feiert sich als jugendlichen Ausreißer, seine Herkunft wechselt mit seiner Stimmung - entdeckt er Woody Guthrie, und lernt sein mittlerweile schwerkrankes Idol auch persönlich kennen. Aus dem Juden Robert Zimmermann, 1980 wird er zum Christentum konvertieren, wird Bob Dylan - und aus diesem ein Folkie mit Ambitionen: Singer und Songwriter, Lyriker und Rockpoet, Jude, und Christ, Politbarde und -prophet, Schriftsteller und Taschenbuchphilosoph, Filmschauspieler und -regisseur, Tambourin-Man und Rolling Stone - Bob Dylan.

Poetisch und bildreich verarbeitet er tagespolitische Geschehen, wird so zu einem Beobachter der amerikanischen Gesellschaft und der sich 1963 formierenden starken Bürgerrechtsbewegung. Als am 28. August 1963 200.000 Demonstranten den Worten Martin Luther Kings lauschen "I had a dream”, da hören sie auch das Folk-Trio Peter, Paul & Mary, das Dylans "Blowin In The Wind” zur Hymne der Bewegung gemacht haben.

Dylans wirkliche Bedeutung für den Rock ist die Befreiung der Texte von der Musik. Seine Texte, er ist ein Meister des Talking Blues, des gesprochenen Blues, sind wortgewaltige Gebilde, die eine eigene Melodie in sich tragen, einem eigenen Rhythmus folgen, losgelöst von jeder instrumentalen Begleitung.

Aber Dylan kann vom Rock nicht lassen. Als er 1965 beim Newport Folk Festival mit einer elektrischen Gitarre die Bühne betritt und mit der Paul Butterfield Band seine Songs vorträgt ist der Eklat provoziert. Die Folkpuristen schreien mit Abscheu auf, Dylan ist ein Abtrünniger. Dieser Abtrünnige ist aber auch ein Neuschöpfer. Schon wenig später folgen viele auf seinen Spuren, und das, was wir heute nostalgisch verbrämt als Folk-Rock genießen, war dank Dylan geboren.

1966 ist das Schicksalsjahr des frühen Bob Dylan. Ein Motorradunfall, bei dem er nur knapp dem Tod entgeht, zwingt ihn zu einer langen Zwangspause. Seine Fans munkeln davon, dass das FBI oder die CIA den Unfall inszeniert hätten, Dylan wäre zu gefährlich für die amerikanische Gesellschaft gewesen - eine weiterer Baustein im Mythos Dylans.

Erst 1968 meldet er sich - jetzt wieder mit Country-Klängen auf der LP "John Wesley Harding” - zurück. Doch schon seine nächste Platte - "Selfportrait” (aus ihr stammen die Songs für die Kopfnuss) - stürzt die Fans wieder in eine Gewissenskrise. Dylan im Duett mit Johnny Cash, den man zu Unrecht zum konservativen Amerika zählt, ist mehr als einige vertragen können. 1970, der sozialkritische Dylan ist mal wieder totgesagt, wird ihm von der Universität Princeton die musikalische Ehrendoktorwürde verliehen. Das Establishment versucht einen Sänger zu vereinnahmen, der einst aufgebrochen war, dieses Establishment zu besiegen.

Auch wenn Dylan älter geworden ist, ruhiger - und noch eigenbrötlerischer, er ist sich auf und mit seinen mehr als 44 offiziellen Platten stets treu geblieben, getreu seinem alten Song "The Times, They Are A-Changin'", die Zeiten mögen sich ändern, doch Dylan bleibt Dylan.

Literatur:
Zu empfehlen ist auch das gerade erschiene Buch "Chronicles - Die sechziger Jahre"
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