KopfNuss
KopfNuss
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3.2.2005
Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Beginnen wir nicht damit, wie dieser Mann lebte, sondern wie er liebte - denn das war seine große Leidenschaft. Schon im zarten Alter von zwölf Jahren fing er damit an. Die junge Dame musste allerdings noch mit dem Heiland konkurrieren, für den er in seiner Jugend gleichfalls eine heiße Zuneigung hegte. Die Religion war ihm ein Fluchtort, meinen seine Biographen, eine Fluchtort vor der zerrütteten Ehe seiner Eltern und dem eklatanten Desinteresse seines Vaters an ihm, dem Sohn - dem entsprechend missratenen Sohn, wie sich bald herausstellen sollte.

Ich war sehr früh gereift und was man verführt nennt. Mein frommes Mädchen gleichfalls, und auf solche Weise, wie zwei Mädchen, genossen wir, gewissermaßen in aller Unschuld, wenigstens ohne alle Gewissenskrupel und mit Enthusiasmus Liebe und Wollust unersättlich, wie unbefangene Naturkinder, fast ein ganzes Jahr lang, ohne dass unsere heiße Frömmigkeit dadurch im geringsten vermindert wurde.

Er studierte Jura, ging zum Militär, preschte in einer schicken Uniform durch die Straßen, machte sich einen Namen als Casanova, Spieler, Lebemann, verpraßte sein Geld mit Konkubinen, heiratete aus schierer Not eine Dame von Stand und Finanzen und fing, noch während er der Zukünftigen den Hof machte, mit ihren Töchtern zu flirten an. Als ihm erneut das Geld ausging, nahm er das Angebot seiner ihn sehr liebenden Frau an - und ließ sich pro forma scheiden, um eine Andere, Reichere zu finden, deren Mitgift sich gemeinschaftlich verbrauchen ließe.

Nach der Scheidung machte er sich auf die Reise, doch statt mit einer reichen Gattin kehrte er mit dem halben afrikanischen Kontinent auf sein heimatliches Schloss zurück. Der Biograph vermerkt:

Ein dongolesischer Hengst, ein Straußenvogel, eine Gazelle, ein Äffchen, ein Ibispaar, eine Schildkröte, ein Chamäleon, zwei kleine Krokodile ...

... und eine wunderschöne blutjunge abessinische Sklavin, auf einem echten Sklavenmarkt gegen gutes Geld erstanden; sehr zum Ärger seiner geschiedenen Frau liebte er sie sogar. Das meinte er zumindest. Die Sklavin wurde später krank und starb, da war er leider gerade nicht zu Hause. Bald gab es neue Lieben, neue Damen und Dramen, das ging so weiter, bis er das beste Mannesalter weit hinter sich gelassen hatte. Und in dieses Ambiente an Obsessionen, Klatsch und Tratsch plazierte er seine Kunst. Ein Teil davon war sein reges Schreiben, die Mitwelt verschlang seine Lektüre, die Nachwelt ist geteilter Meinung. Nun, der Herr von Goethe, immerhin, war voll des Lobes über SEIN Erstlingswerk, die "Briefe eines Verstorbenen".

Ein für Deutschlands Literatur bedeutendes Werk. Hier wird uns ein vorzüglicher Mann bekannt. Der Schreibende erscheint als berühmter Weltmann von Geist und lebhafter Auffassung, daneben auch als durch gearbeiteter feinsinniger Deutscher, umsichtig in Literatur und Kunst. Man kann sich's nicht anders möglich denken, als er habe, die Gegenstände unmittelbar vor Augen, sie mit der Feder aufgefasst, eine so klare ausführliche Darstellung bleibt immer noch eine seltene Erscheinung.

Seine wahre Kunst jedoch entfaltete sich nicht im Schreiben, sondern in einer ganz anderen, ein wenig unüblichen Tätigkeit. Der Dichter Heinrich Laube sah eines seiner Werke im Jahre 1837 zum ersten Mal:

Es empfing mich wie eine Kirche, obwohl oder weil ein Menschengeist ihn durchwehte. Der beruhigende Hauch eines Kunstwerkes strömt von ihm aus. Dies ist durchaus keine Phrase; hundert und hundertmal hab ichs empfunden. Wie der Maler mit Figur und Farbe, der Dichter mit Begebenheit, Charakteren und Handlungen wirkt - und günstig wirkt, sobald er Harmonie erreicht -, so wirkt ER in seiner Kunst mit Strauch, Baum, Rasen, Wasser, Höhe und Tiefe, Aussicht und Verhüllung.

Der Künstler, der solches vollbrachte, starb 1871. Eigentlich wollte er, wie die Menschen in grauer Vorzeit, verbrannt werden. Doch seinen Angehörigen gefiel das nicht, und so entschieden sie sich für die zweite Möglichkeit, die er in seinem detaillierten Testament angeboten hatte - sein Körper sollte mit Chemikalien zerstört werden. In einem kunstvollen Eichensarg, der mit Metall ausgekleidet war, fiel sein Körper Schwefelsäure, Ätznatron, Ätzkali und Ätzkal anheim. Sein Herz jedoch, sein unstetes, wurde in einer separaten Glasphiole mit Schwefelsäure übergossen und hernach in einer kupfernen Urne verlötet. Sein Werk lebt bis heute weiter.
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