KopfNuss
KopfNuss
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11.2.2005
O-Ton-Rätsel
Von Gerrit Stratmann

Am 19. September 1991 stolperte das Ehepaar Simon bei einer Wanderung in den schneebedeckten Ötztaler Alpen über eine Leiche. Ein haarloser Kopf auf einem wie ausgetrocknet wirkenden Torso ragte in einer Mulde aus dem Eis. Mit dem Gesicht nach unten steckte das von einer ledernen, gelb-schwarzen Haut umgebene Skelett zur Hälfte eingefroren im Boden.

Was zunächst für einen vor Jahrzehnten verunglückten Bergwanderer oder einen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gehalten wurde, entpuppte sich schon bald als weitaus älter. Die Hoffnung, den Toten anhand eines Eherings oder gar seines Ausweises identifizieren zu können, wurde schnell begraben, als weitere Fundstücke zu Tage traten. In unmittelbarer Nähe des Toten fand man ein kleines Beil mit Kupferklinge, einen halbfertigen Bogen, Reste eines Mantels aus Ziegenfell und Gefäße aus Birkenrinde. Schnell wurde klar, es handelte sich um eine Sensation: die älteste vollständig erhaltene Mumie in Mitteleuropa. Ihr Alter wurde mittels Radiokarbonmethode auf etwa 5300 Jahre datiert.

Über die Umstände, die zum Tod des Mannes aus der Jungsteinzeit geführt haben, ist viel spekuliert worden. Dachte man anfangs an einen von Kälte und Hunger überwundenen Wanderer, verdichteten sich die Hinweise mehr und mehr zu einem Mord. Verletzungen an den Händen und die Pfeilspitze in der linken Schulter, die Forscher erst nach Jahren auf einer Röntgenaufnahme entdeckten, lassen an eine Auseinandersetzung denken, die der Mann kurz vor seinem Tod gehabt haben muss, ehe er von dem Pfeil womöglich auf der Flucht hinterrücks niedergestreckt wurde.

64 Forscherteams aus aller Welt haben Ötzi untersucht, seit das Eis ihn freigegeben hat. Man fand heraus, dass er mit einem schlecht verheilten Rippenbruch unterwegs war, man weiß aus Darmresten, was er zuletzt gegessen hat (Steinbock), sein Zahnschmelz und Steinkrümel aus dem Darm verraten seine Herkunft (Eisacktal bei Bozen), Schwermetall-Ablagerungen in der Lunge und den Haaren lassen eine Nähe zum Schmiedehandwerk erahnen. Damit ist Ötzi eine der am Besten untersuchten Leichen weltweit. Und zudem eine Leiche, die aufmerksame Behandlung verlangt. Sein Körper wird mittlerweile im Archäologischen Museum Bozen in einer extra für ihn hergerichteten Zelle bei konstant minus sechs Grad Celsius ausgestellt, damit er nicht auftaut. Bei höheren Temperaturen würde er zerfallen.
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