KopfNuss
KopfNuss
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10.2.2005
Harte Nuss
Gesucht wird...
Von Susanne Billig

Er liegt so nah, ist so real und selbstverständlich, dass wir ihn kaum erkennen können. Erst in den siebziger Jahren begannen Forscher, sich intensiver mit ihm zu befassen - und entdeckten eine wahre Goldgrube, mit dem sich viele Phänomene endlich erklären ließen.

Er weiß alles über unser Leben, aber nicht der Länge, sondern der Breite nach. Nicht die Chronologie, sondern die Gleichzeitigkeit ist sein Revier. Wenn es um ihn geht, wird es konkret und praktisch, dann geht es um die Notwendigkeiten, um das, was ist, wie es ist. Der Forscher Günter Voß schreibt über ihn:

Er ist unaufhebbar "wirklich" und es gibt nichts, was mehr "Realität" hätte, was "wirklicher" wäre als er - er ist "die" Realität als solche. "Traum" und "Phantasie", "Rausch" und "Ekstase", "Wahn", "Fiktion" und "Lüge" sind wichtige Momente in ihm, aber sie sind nicht er. Alles Besondere gewinnt seine Besonderheit gerade durch die Absetzung von ihm, und umgekehrt erhält er seine Realität dadurch, dass er sich von den Sonderzuständen abgrenzen kann.

Er ist hier und nicht dort - und wie gern wären wir dort und nicht hier! Doch sobald wir uns dort hin begeben, folgt er uns auf dem Fuß und nistet sich wieder ein. Denn wenn wir dort sind, ist dort hier geworden - und hier ist er. So holt er uns überall ein und hält uns immer gefangen. Kaum zu glauben, dass wir selbst es sind, die Gefängnis und Gitterstäbe bauen:

Man hat ihn nicht einfach, und er ist auch kein passiver Reflex auf Bedingungen oder Chancen. Selbst unter rigiden Zwängen ist er eine aktive Leistung, die es erforderlich macht, dass eine Person von sich aus und zumindest teilweise in eigener Regie tätig wird. Er wird aktiv konstruiert, praktiziert, erhalten und an sich ändernde Bedingungen angepasst.

Das ist sein Paradox: Wir müssen ihn selber machen, trotzdem gehören wir ihm mehr als er uns. Einmal vorhanden, kann er nicht mehr beliebig geändert werden, denn er beruht auf verbindlichen Absprachen mit anderen Menschen, die wir nicht einfach aufkündigen können. Allein und doch mit anderen sind wir in ihm, eigenverantwortlich und doch Zwängen unterworfen. Er ist das Immergleiche, das wir stündlich neu produzieren müssen, eine persönliche Leistung, die sich an tausend Vorschriften halten muss.

Die Moderne hat ihn verändert - tiefgreifende Wandlungen reißen ihn und uns mit sich, ob uns das passt oder nicht. Zurzeit verschwindet der Kern dessen, was ihn ausgemacht hat: seine Verlässlichkeit, die alten Routinen und Standards.

Schon Max Weber, der große Pionier der Soziologie, hatte es vorausgesehen: Er entlässt uns aus seinem engen Korsett, aber da wir ihn brauchen wie die Luft und das Wasser, kreieren wir das Korsett neu im Kopf, und das so effektiv wie möglich.

Der moderne Mensch kalkuliert und steuert ihn gezielt. Wenn nötig, besuchen wir sogar Kurse und qualifizieren uns fort. Wir erlernen in tristen Stunden komplizierte Technik, Handys und Handhelds, Computer und Anrufbeantworter, um so viel wie möglich aus ihm heraus und in ihn hinein zu pressen, stets mit der leisen Angst im Nacken, wir könnten in seinem "Management" scheitern.

Längst lassen wir uns von den Nachbarn nichts mehr sagen, schließlich kennen wir sie kaum noch. Heute steht auf dem Computer, was wir zu tun und zu lassen haben, und wir selbst haben es dort eingetippt: Treffen mit Hannelore! Kino! Freitag! 20 Uhr!

In der modernen Welt zerbricht er zwischen den Menschen. Jeder sitzt auf seiner eigenen Scholle und treibt in einer anderen Zeit. Es sind die Frauen, auf denen die Bürde lastet, all die Bruchstücke der Familienmitglieder wieder zu einer Erfahrung zusammen zu führen. Unser Drang zur Stabilität ist verlässlich. Wir verbinden, was gesellschaftlich getrennt wird, Wohnort- und Arbeitsplatzwechsel, Fernbeziehungen, die Unsicherheit zwischen Mann und Frau - wir fangen das alles auf. Wenn nichts mehr geht - wir machen, dass es trotzdem geht, in und mit ihm. Denn schließlich muss er weiter gehen - einen anderen haben wir nicht.
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