KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
17.2.2005
Die harte Nuss
Gesucht wird...
Von Susanne Billig

O Wunder! Fliegt er noch?
Er steigt empor und seine Flügel ruhn!
Was hebt und trägt ihn doch?
Was ist ihm Ziel und Zug und Zügel nun?


Generationen von Seefahrern schauten ehrfürchtig zu ihm empor. Sollten sie ertrinken, munkelten sie, so würden sie sich in ihn verwandeln. Neunzig Prozent seines Lebens verbringt er in der Luft, südlich des Äquators, in vierzehn Arten und zwei Gattungen. Seine Beine sind kurz, der Körper gedrungen, einige Arten stellen schöne Farben zur Schau. Der große Kopf trägt einen kräftigen, krummen Schnabel. Ein afrikanisches Märchen weiß warum:

Ich habe schon gelebt, da war die Erde noch ein einziges Flammenmeer. Während wir über der feurigen Erde schwebten, starb meine Mutter. Und weil wir sie nicht dem verzehrenden Feuer preisgeben wollten, legte ich sie mir auf den Schnabel und zog weiter meine Kreise. Als kurze Zeit später auch mein Vater die Augen schloss, wusste ich mir keinen anderen Rat, als ihn zu der toten Mutter auf den Schnabel zu laden. Noch viele Jahre musste ich mit meiner traurigen Last durch die Luft schweben. Als ich meine Eltern endlich zur letzten Ruhe betten konnte, hatte sich mein Schnabel durchgebogen.

An den windigsten Ecken der Erde wird das Tier geboren. Ist es erwachsen, breitet es einfach die Flügel aus - der Wind trägt es hinaus aufs Meer. Fällt es beim ersten Flug nicht gleich ins Wasser, wo schon die Haie lauern, lebt das Tier acht oder gar zehn Jahre ganz allein über dem Meer. Es steigt mit dem Wind auf und ab, ohne je seinen Fuß an Land zu setzen. Turmhohe Wellenberge, Stürme von über hundert Stundenkilometern bringen den Segler nicht aus dem Gleichgewicht. Perfekt ist das Tier für den Flug konstruiert: Mit seinen schmalen, geraden Flügel spielt es mit den Luftströmungen über dem Wasser, kreuzt mit und quer gegen den Wind, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Forscher statteten ein Tier mit einem Sender aus: Es legte in neunzig Tagen vierzigtausend Kilometer zurück - das ist einmal um die Welt. Zweiunddreißig Millionen Quadratkilometer hatte es in dieser Zeit überflogen!

Nach zehn Jahren des Wanderlebens kehren die Vögel zur Brautschau an ihren Geburtsort zurück. Sie suchen sich einen Partner oder eine Partnerin und bleiben zeitlebens zusammen. Nur alle zwei Jahre trifft sich das Paar - immer zur selben Zeit und auf derselben Insel. Dort erneuern sie ihre Liebe, und sie legt ein einziges Ei - immer in dasselbe Nest.

Abwechselnd bebrüten die Eltern das große, weiße Ei und gehen auf Nahrungsbeschaffung. Bis zu viertausend Kilometer vom Nest entfernt fischen die Tiere. Die Passatwinde treiben sie über die südlichen Ozeane; Sonne, Sterne und Magnetfelder weisen ihnen den Weg. Wenn Haie angreifen, spuckt das Tier dem Angreifer treffsicher seinen tranigen Mageninhalt entgegen. Eine andere Selbstverteidigung kennt es nicht. Doch gegen den Menschen lässt sich so nicht kämpfen.

Seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nimmt die Zahl der Tiere ständig ab. Ihre Federn galten als schick für Bettzeug und Damenhüte. Ganze Kolonien wurden deshalb zerstört. Andere Kolonien mussten den Start- und Landebahnen von Militärflughäfen weichen. In Leitungsmasten kamen Tausende von Tieren zu Tode. Ratten gelangten mit den Menschen in ihre Brutgebiete und fraßen Eier und Küken. Gifte und Müll sammeln sich in ihrem Körper an. In den Mägen von Küken fand man Zahnbürsten, Kinderspielzeug, Flaschendeckel, Feuerzeuge, Angelschnüre und Handschuhe.

Auf der Jagd nach Thun- und Schwertfischen ziehen Fangschiffe über hundert Kilometer lange Leinen hinter sich her, daran sind Tausende von Fleischködern befestigt. Die Vögel sind machtlos gegen diese Versuchung. Sie stürzen sich auf die vermeintliche Beute, der Haken bohrt sich durch ihren Hals und zieht sie in die Tiefe, wo sie elend ertrinken. Vierundvierzigtausend dieser schönen Tiere fallen der Langleinenfischerei jährlich zum Opfer. Viele hundert Kilometer entfernt harrt womöglich der brütende Partner. Wird der Hunger zu groß, lässt er das Ei im Stich. Er vereinsamt und zieht niemals mehr Junge auf.

Er flog zu höchst - nun hebt
Der Himmel selbst den siegreich Fliegenden:
Nun ruht er still und schwebt,
Den Sieg vergessend und den Siegenden.


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