KopfNuss
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25.2.2005
O-Ton-Rätsel

Er klaute Kerzen, Billardkugeln und ein Pferd. Er gab sich als Polizist aus und beschlagnahmte angebliches Falschgeld; als selbsternannter Dresdner Advokat verkündete er einem sächsischen Bäcker, dass dieser wider besseren Wissens eine Erbschaft aus Amerika erhalten habe, um ihm anschließend 28 Taler zu stehlen.

Karl May, einer der am meist gelesenen deutschen Schriftsteller, verfügte zeit seines Lebens über eine lebhafte, teils kriminell ausgelebte Fantasie. Was ihm anfangs allerdings außer insgesamt siebeneinhalb Jahren Zuchthaus und damit verbundenem Arbeitsdienst wenig einbrachte. Er sei "ein Lieblingskind der Not, der Sorgen und des Kummers", sagte Karl May später einmal über sein Leben. Ein sehr bewegtes Leben.

Geboren wurde Karl May am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal als fünftes von 14 Kindern eines Leinewebers und dessen Ehefrau. Die Familie war arm. Neun von Mays Geschwistern starben bereits im Kindesalter und er selbst erblindete auf Grund einer Krankheit kurz nach seiner Geburt. Sehen konnte er erst wieder mit fünf Jahren. Bis dahin war alles um ihn herum grau, farblos und trist - in jeder Hinsicht.

Und vielleicht war es eben diese Blindheit, die seine Fantasie beflügelte und später zu den prächtigen Schilderungen etwa der amerikanischen Landschaften in seinen Büchern führte?

Fest steht: Karl May, der mit 14 Jahren eine Ausbildung zum Volksschullehrer begann und 1861 sein Lehrerexamen bestand, wollte sich nicht diesem wenig lukrativen Leben ergeben. Er wollte mehr sein als ein armer Volksschullehrer. Und weil er zunächst keinen anderen Weg sah, begann er zu stehlen und zu betrügen - immer sehr fantasievoll.

Doch nach der Verbüßung seiner längsten vierjährigen Haftstrafe im Zuchthaus Waldheim schien der Sachse geläutert und begann, als Redakteur zweier in Dresden erscheinender Wochenblätter zu arbeiten. Von nun an lebte Karl May seine Fantasie nur noch auf dem Papier aus.

1874 erschienen seine ersten fiktiven Reiseerzählungen wie "Reiseabenteuer in Kurdistan", "Die Todeskarawane" oder "Durch die Wüste". Und siehe da: Mays Geschichten, die meist im Nordwesten der USA oder im Orient angesiedelt sind, hatten Erfolg. Mays Stern als Schriftsteller begann, unaufhaltsam zu steigen. Immer größer wurde die von ihm begeisterte Leserschaft: Schon bald erreichte die Auflagenzahl seiner Bücher die 60.000, eine damals enorme Zahl.

Als schließlich 1893 der erste Winnetou-Roman auf den Markt kam, wurde Karl May so erfolgreich wie kaum ein anderer deutscher Autor vor ihm. Er wurde reich und geachtet, er war ein gern gesehener Gast bei offiziellen Anlässen. Doch all das reichte dem Sachsen wohl nicht und er belebte seine kriminelle Ader neu: Fortan nannte sich der Schriftsteller zu Unrecht Doktor Karl May und gab die Abenteuer seiner Romanhelden als seine eigenen aus, obwohl er viele der Länder, über die er schrieb, nie oder aber erst nach seinem Erfolg bereist hatte.

Erzürnte Leser und Konkurrenten zerrten ihn erneut vor Gericht. Verleumdungsklagen bestimmten die letzten Jahre seines Lebens, was aber seinen literarischen Nachlass nicht schmälerte: Die 84 erschienenen Karl-May-Bände wurden weltweit über 200 Millionen Mal verkauft und in 40 Sprachen übersetzt. Das hätte wohl auch die kühnsten Fantasien des Autors übertroffen, der am 30. März 1912 im Alter von 70 Jahren an einer Lungenentzündung starb.
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