KopfNuss
KopfNuss
Montag bis Freitag • 10:10
24.2.2005
Harte Nuss
Gesucht wird ...
Von Susanne Billig

Sie lebt, wie wir alle, mit einer Außen- und einer Innenwelt, hat ein öffentliches und ein privates, ja, fast schon intimes Gesicht. Wer bin ich? Wer will ich gern sein? Was sollt ihr über mich denken? Das demonstriert sie der Welt. Hinter der schönen Hülle aber bewahrt sie unsere Geheimnisse und Intimitäten auf, diskrete Zeugnisse unserer Vorlieben und Schwächen. Sie ist ein offen zur Schau gestelltes Geheimnis.

Kulturwissenschaftler sagen, sie sei eine Art Gehäuserest - ein Stückchen Haus oder Wohnung, auf den Straßen umhergetragen: in aller Öffentlichkeit ein bisschen Wohnzimmer, ein Hauch Schlafgemach, eine Prise Bad.

Frau: Verdammt, wo ist denn nur ... ich hab das doch ... das war doch hier... oder hier? Ach, jetzt weiß ich! Hier ... nee, auch nicht ... scheiße.

Sie ist auch eine Plage - zu klein, zu groß, zu schwer, zu konfus. Man kann sie vergessen oder fallen lassen, sie geht nicht auf oder nicht zu, attackiert Fingernägel, Schultern, Rücken, lässt die schönste Dame aussehen wie den schiefen Turm von Pisa und machte sie anfällig für Bösewichte, die nichts anderes wollen als SIE. In früheren Zeiten war sie Männersache, Ausdruck von Autonomie und Souveränität, befreit sie doch das wichtigste Werkzeug des Menschen: seine Hände. Schön "Ötzi" streifte vor mehr als fünftausend Jahren nicht "ohne" durch die Südtiroler Alpen. Seit ein paar hundert Jahren ordnen wir sie strikt der Frau zu: Haus bleibt Haus, auch wenn das Haus draußen spazieren geht. Den Mann befällt in ihrer Nähe meist ein unbehagliches Gefühl, nur ausgemachte Voyeure möchten tatsächlich wissen, was sie verbirgt, oder gar die blinden Finger tief in ihr Innerstes stecken.

Frau: So, jetzt hilft nur noch radikale Bestandsaufnahme. Was haben wir hier? Mein Glücksstein, die Sonnenbrille, die Lesebrille, Zahnseide, Tränengas, och wie süß, ein Liebesbrief. Ein ... Nagel, Schraubenzieher. Klopapier, Mundspray, Kaugummi, alte Zeitung, Ersatzstrümpfe, Quittungen, Kassenbons, Plastiktüten, benutzte Fahrscheine, eine CD-Hülle, Taschenlampe, zwei ... zehn ... huch: 20 Tampons?! Eine alte Batterie. Von wem is'n die Telefonnummer? Bußgeldbescheid. Lippenpflegestift, ohne Kappe, igitt, lauter Tabakkrümeln dran. Wer sagt's denn: die Kappe. Drei zerbrochene Zigaretten. Katzenleckerli, Miniregenschirm, Schmerztabletten, Asthmaspray, Allergiepass, Nasentropfen, uahh, ein alter, brauner Apfelbutzen ...

Es heißt, Männer hätten, jäh mit ihrem Innenleben konfrontiert, schon Hochzeiten aufgekündigt. Solche Erfahrungen sind vielleicht der Grund, dass sich das Produkt für den Mann nie durchsetzen konnte. In den achtziger Jahren bemühten sich Produzenten redlich um den männlichen Markt - kollektive Verweigerung und zentrales Reißverschlussversagen sorgten für ein rasches Ende.

So wandert sie zwischen Mythos und Mode - die Schönen und Berühmten setzen die Trends, das Volk rennt hinterher. Patricia Highsmith schockte die Gäste einer Cocktailparty mit einem Salatkopf und hundert Schnecken. Grace Kelly verbarg ihren schwangeren Bauch. Golda Meir gefiel der Welt mit einem kleinen, schwarzen Monster. die emsige Mrs. Roosevelt mit einem Exemplar von erschreckenden Dimensionen. Margaret Thatcher nannte sie ihren "treuesten Gefährten" und schlug England und die halbe Welt mit ihr, teils diente sie der eisernen Lady als Waffe, teils als Symbol spröder Weiblichkeit. Und was wäre die Queen ohne sie? Nackt. Mindestens.

Frau: Endlich! Hier isses! Schatz! Schatzi! Ich hab es! Wo bist du denn? Hallo? Das gibt's doch nicht. Weg. Einfach verschwunden.
-> KopfNuss
-> weitere Beiträge
-> KopfNuss Lösung