KulturPolitik
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9.9.2004
"Übersetzen ist eine Sisyphusarbeit"
Interview mit Helga Pfetsch, Vorsitzende des VdÜ

Stand auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: AP)
Stand auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: AP)
In Wolfenbüttel trifft sich derzeit der Verband deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) zu seiner 50. Jubiläumstagung. Im Vergleich zum europäischen Ausland mangele es hier zu Lande an einer angemessenen Bezahlung, betont die Vorsitzende Helga Pfetsch. Literaturübersetzer seien Urheber der deutschen Texte und sollten darum auch an erfolgreichen Büchern mitverdienen.

Kirsten Lemke: "Man muss sich die Übersetzer als glückliche Menschen vorstellen", hat Albert Camus gesagt und dieses Zitat steht auf der Homepage Ihres Verbandes. Treffen sich also heute lauter glückliche Menschen zur Jubiläumsjahrestagung?

Helga Pfetsch: Ja, das hoffen wir sehr. Ich muss dazu sagen: Das ist eine kleine Ironie. Der glückliche Mensch ist Sisyphus und es steckt dahinter also diese Assoziation, dass Übersetzen durchaus eine Sisyphusarbeit ist, aber gleichzeitig machen es ja sehr viele. Wir haben 1000 Mitglieder, die sich zur Jahrestagung hier treffen. Ich denke, die sind schon sehr froh.

Lemke: Bleiben wir mal bei der Sisyphusarbeit, es geht ja schließlich bei der Übersetzung nicht nur um die reine Bedeutung eines Textes, sondern auch um den Charakter, sprachliche Besonderheiten. Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie da?

Pfetsch: Gemeinhin wird angenommen, dass man einfach in der deutschen Sprache hinschreiben müsste, was in der Fremdsprache schon dasteht, dass man also nur eins zu eines rüberholen muss. Das ist natürlich nicht der Fall, weil jede Sprache sich von der anderen sehr stark unterscheidet - diese ganzen Sprachbesonderheiten. Dann gibt es sehr viel Recherche zu unternehmen, auch bei belletristischen Werken, also Romanen et cetera und es gilt, den insgesamten Ton und Stil in der deutschen Sprache wiederzugeben, der der Wirkung dessen ähnelt, wie es im Original ist.

Lemke: Sie haben also doch sehr großen Einfluss auf die Literatur, die Sie da übersetzen. Gibt es denn auch jemanden, der das kontrollieren kann?

Pfetsch: Die Übersetzung geht nicht gleich in den Druck. Wir übersetzen ja Bücher, da gibt es in der Regel, und wenn es gut geht, einen Lektor, der sowohl über das Original recht gut Bescheid weiß und auch die deutsche Sprache sehr gut kann und ein gutes Sprachempfinden hat und dieses im Gespräch mit dem Übersetzer auch überprüft und oft sehr hilfreiche Rückmeldungen gibt.

Lemke: Kommen wir mal zu den glücklichen Menschen. So glücklich sind die Übersetzer ja dann nicht, wenn es nämlich um die Bezahlung geht. Welche Probleme haben sie da?

Pfetsch: Übersetzer sind Urheber von den deutschen Texten, die sie schreiben, also von der deutschen Übersetzung, und es gibt ein Gesetz, das Urheberrechtsgesetz, das besagt, dass Übersetzer an dem Erfolg des Werks beteiligt werden müssen. Dies ist im Augenblick noch sehr wenig der Fall und das, was wir als angemessene Bezahlung betrachten, nämlich einerseits ein Seitenhonorar plus die entsprechende Beteiligung, ist leider noch nicht gang und gäbe.

Lemke: Da sagen aber die Verlage, das würde unter Umständen zu einer Verdreifachung der Preise für die Übersetzung führen. Wäre dann nicht die ausländische Literatur für viele Verlage möglicherweise einfach unbezahlbar?

Pfetsch: Es ist eigentlich umgekehrt. Wir haben mal zusammengestellt, was wir für angemessen erachten würden und sind dabei auf einen dreifach so hohen Betrag dessen, was pro Seite im Augenblick bezahlt wird, gekommen. Das wäre angemessen. Wir befinden uns in Verhandlungen und deren Gegenstand ist im Grunde, wenn wir mit den Verlagen sprechen, wo wir hinmüssen, worauf müssen wir uns einigen und wie das auch machbar ist. Wir haben das gleiche Anliegen. Auch wir wollen gerne, dass weiterhin Bücher übersetzt und veröffentlicht werden.

Lemke: In Frankreich läuft es ja anders als bei uns, da sind die Übersetzer an den Rechten beteiligt. Ist das so etwas, wie Sie es sich auch bei uns vorstellen können?

Pfetsch: Unbedingt. Bei uns ist es auch auf dem Papier oft so. Nur in der Realität setzt also die Beteiligung zu oft erst bei einer ganz hohen Auflagenziffer ein, nehmen wir an 250.000, und es werden nur 10.000 verkauft. Dann kommt von der Beteiligung nichts mehr rüber.

Lemke: Was tut denn ihr Verband, außer dass er sich für eine bessere Bezahlung seiner Mitglieder einsetzt?

Pfetsch: Wir haben einen sehr umfassenden Service für unsere Mitglieder nach innen, das heißt, dass wir sie sehr gut informieren, ihnen beispielsweise Fortbildungen anbieten, jetzt ist ja hier in Wolfenbüttel die Jahrestagung, in die dieses Jubiläum integriert ist. Da gibt es einen ganzen Tag von Workshops, wo erfahrene Kollegen zusammen mit den Kollegen, die in diese Workshops kommen, das erarbeiten, was für die Praxis nötig ist.

Kirsten Lemke: Wie ist denn das Verhältnis der Übersetzer zu den Autoren selbst?

Pfetsch: Oft ein intimes, bei noch lebenden Schriftstellern suchen Übersetzer sehr oft den Kontakt. Es gibt im Grunde auch oft Fragen, die kann letztendlich nur derjenige, der den Text geschrieben hat, hundertprozentig beantworten. Dieser Kontakt wird oft gesucht. Wir haben das Gefühl, dass Schriftsteller und Übersetzer eine natürliche Arbeitsgemeinschaft sind oder sie gehören unbedingt sehr eng zueinander.
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