KulturPolitik
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13.9.2004
Hitler-Film kann neue Denkanstöße liefern
Interview mit dem Historiker Reinhard Rürup
Moderation: Gabi Wuttke

Der Schauspieler Bruno Ganz, links, als Adolf Hitler und Heino Ferch, rechts, als Albert Speer in dem Film "Der Untergang" von Bernd Eichinger (Bild: AP)
Der Schauspieler Bruno Ganz, links, als Adolf Hitler und Heino Ferch, rechts, als Albert Speer in dem Film "Der Untergang" von Bernd Eichinger (Bild: AP)
Wuttke: Herr Rürup, läuft das alles unter dem Motto Aufklärung oder ist das wohl problematischste Thema der Deutschen einfach in die Medienmaschine geraten?

Rürup: Das kann man natürlich nicht genau unterscheiden. Ich glaube schon, dass diese Filme, die Dokumentationen aber auch Spielfilme, eine aufklärende Wirkung haben können. Sie können und dürfen auch bis zu einem gewissen Grade unterhalten. Wir haben inzwischen in unserer Gesellschaft einen Zustand erreicht, wo die Tatsache, dass das NS-System große Verbrechen verübt hat, und dass nicht nur Hitler daran schuld war, sondern auch viele andere Beteiligten, doch mehr oder weniger Allgemeingut ist. Dann kann man auch differenzieren und man kann sich nun auch wieder mit Hitler beschäftigen. Er wird nicht mehr alle anderen entlasten können.

Wuttke: Geht denn das Wissen als Allgemeingut durch alle Generationen?

Rürup: Sagen wir, es betrifft die offizielle Politik, es betrifft die Medien, es betrifft das Erziehungswesen. Natürlich kommen historische Daten immer nur bei einem Teil der Bevölkerung an und historische Einsichten werden nur von einem Teil der Bevölkerung aufgenommen. Aber dies ist der Teil der Bevölkerung, der die Meinung in diesem Bereich bildet und deshalb glaube ich schon, dass man sagen kann, dass in den letzten zwanzig Jahren sich hier einiges geändert hat. Die Diskussion um die Wehrmachtsaustellung auch die Goldhagen-Diskussion haben das deutlich gezeigt.

Wuttke: Aber wo hört denn für Sie die Unterhaltung auf? Vielen ist es ja doch unbehaglich, dass ein Regisseur es für wichtig hält, als Rechercheergebnis zu zeigen, wie ein Adolf Hitler bei Tisch kleckert. Ist das wichtig zu wissen?

Rürup: Ich glaube nicht, dass das Kleckern bei Tisch die Hauptbotschaft des Filmes ist. Es ist aber meines Erachtens durchaus von Interesse, dass hier jemand gegen Ende seiner Herrschaft zusammenbricht, dass dies eine erbärmliche Person ist. Umso schärfer stellt sich doch, wenn man anfängt nachzudenken, die Frage, wer denn diesem Mann dazu verholfen hat, einen großen Teil Europas zu beherrschen, das deutsche Volk zu faszinieren und viele Menschen zu Verbrechen zu verleiten. Diese Frage stellt sich umso schärfer, wenn man einen Führer, einen Diktator eben nicht auf dem Höhepunkt seines Erfolgs zeigt, sondern im Untergang.

Wuttke: Aber wer könnte diesen, ich sage mal diesen Nachklapp leisten? Denn der Film kann es doch sicherlich nicht.

Rürup: Nein, dieser Film wird ja inzwischen schon, bevor er gezeigt worden ist, in den Medien diskutiert. Und diese Diskussion wird auch anhalten und wir werden im Jahre 2005, wenn es um 60 Jahre Ende des Dritten Reiches und des zweiten Weltkrieges geht, noch sehr viel mehr solcher Diskussionen haben. In diesen öffentlichen Auseinandersetzungen wird das geschehen müssen und ich bin sicher, dass da Vieles geschehen wird.

Wuttke: Glauben Sie denn, dass die Auseinandersetzung nun auf der Ebene von Kinofilmen eine ausschließlich deutsche ist oder sollten wir auch den Blick darauf wenden, wie solche Filme im Ausland ankommen und der Blick auf Deutschland zurückgeht? Nehmen wir eine Schlagzeile einer britischen Boulevardzeitung, die fragte sich neulich: "Vergibt Deutschland Hitler?"

Rürup: Ich glaube, dass das eine der Schlagzeilen ist, für die die britischen Boulevardzeitungen berühmt, beziehungsweise berüchtigt sind. Ich glaube nicht, dass es Anlass zu diesem gibt. Im Gegenteil, so lange man Hitler als den Übermächtigen, alles bestimmenden, alles entscheidenden Diktator zeigte, so lange wurde das deutsche Volk entlastet, konnte die Wehrmacht behaupten, konnte die Jugend behaupten, konnten die Beamten behaupten, sie seien missbraucht worden, sie seien zu Opfern Hitler und seiner engeren Umgebung der wenigen Helfer gemacht worden.

Wenn man den Untergang zeigt, stellen sich die Fragen doch anders und kritischer. Das, was in den letzten zwei Jahrzehnten etwa erreicht worden ist, dass die vergessenen Opfer entdeckt worden sind, aber auch die vergessenen Täter in unserer Gesellschaft wieder sichtbar geworden sind, das wird durch eine solche Beschäftigung mit Hitler nicht verloren gehen. Es könnte geradezu dazu führen, dass es neue Anstöße gibt, sich damit zu beschäftigen.

Wuttke: Vielen Dank, der Historiker Reinhard Rürup in der Mittagsausgabe der Ortszeit.
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