KulturPolitik
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15.9.2004
Terrorismus der Bilder und Terror im Bild
Interview mit dem Historiker Habbo Koch
Moderation: Gabi Wuttke

Ikonographie des Terrors: ein Flugzeug rast in einen der Türme des World Trade Centers. (Bild: AP)
Ikonographie des Terrors: ein Flugzeug rast in einen der Türme des World Trade Centers. (Bild: AP)
Der Historiker Habbo Koch sieht den medialen Umgang mit Terrorangriffen als eine Gratwanderung an. In den Massenmedien sei im 20. Jahrhundert ein ganzes Arsenal von Bildern für die Gewalt entstanden, diese sind in der Form für die heutigen Anschläge oft nicht passend. Er plädiert für eine "neue Form der Langsamkeit" in den Medien.

Koch: Erst mal terrorisieren diejenigen, die mit militanter Gewalt im zunehmenden Maße Zivilisten zu Opfern machen, und das ist mit einer medialen Strategie verbunden, die versucht, die Bilder, die daraus entstehen, in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Der Effekt des Terrors entsteht auf der Ebene der Bilder dadurch, dass Leerstellen entstehen. Die Sinnordnungen brechen durch diese Bilder der Gewalt auseinander und müssen wieder gekittet werden durch bestimmte andere Bilder.

Gabi Wuttke: Welche Sinnordnungen meinen Sie?

Koch: Es geht darum, dass im 20. Jahrhundert vor allem in den Massenmedien ein ganz bestimmtes Arsenal von Bildern, Fotografien und auch Filmstücken entstanden ist, mit denen Gewalt zum Bestandteil kultureller Repräsentationen geworden ist. Wenn man etwa an den Umgang mit dem Anschlag auf das World Trade Center denkt, gab es relativ bald danach Bilder, die Feuerwehrleute auf den Ruinen zeigten. Das ist eine Form, mit der Wunde, die diese Tat geschlagen hat, auch ikonographisch umzugehen, weil das in einer Tradition von Heldenbildern etwa auch aus dem Zweiten Weltkrieg stand.

Gabi Wuttke: Das heißt, die mediale Strategie, hat sie sich seit dem 11. September verändert oder hat sie das fortgesetzt, was es schon früher gab?

Koch: Ich sehe nicht, dass sie sich wirklich verändert hat. Ich glaube, es gibt ein hohes Maß an Kontinuität, und das ist auch der Herausforderung geschuldet, die durch die Intensität dieser Anschläge aufgekommen ist. Man hat versucht, auf solche im Grunde schon Jahrzehnte alten Bilder wieder zurückzugreifen, um diese aufgebrochenen Nahtstellen zu schließen.

Gabi Wuttke: Ist das also eine Feststellung, die Sie treffen, oder eine Kritik, und, wenn es eine Kritik ist, wen trifft sie, wenn Sie von medialen Strategien sprechen? Denn wir sind ja hier Medienmacher.

Koch: Ich glaube, zunächst mal sind Intellektuelle oder historische Kulturwissenschaftler da in einem Dilemma. Einmal ist es die Aufgabe, solche medialen Verwendungen zu analysieren, zu reflektieren, zu kritisieren. Gleichzeitig braucht der Umgang mit dem Terrorismus auch eine Strategie, die diese Nahtstellen wieder schließt, weil sonst der Terror seinen Erfolg hätte, den er sucht und auf den er abzielt.

Ich glaube, mit diesem Dilemma müssen Kulturwissenschaftler noch besser lernen umzugehen. Das ist eine Gratwanderung. Ich würde also nicht primär von Kritik oder Medienkritik sprechen, sondern von einem Umgang mit dieser Gratwanderung, in der kritisch analysiert werden muss, welche Funktion auch dieser Rückgriff auf solche Traditionen dann wieder hat.

Gabi Wuttke: Haben Sie denn Vorschläge, wie diese Nahtstellen geschlossen werden können, oder, andersrum gefragt, was heißt das für die klassische Lehre der Nachrichtenrezeption, was Sie sagen?

Koch: Es gab in New York im unmittelbaren Anschluss am 11. September den Versuch, eine Art Demokratisierung der Bilderwelt herzustellen, indem man in einer Ausstellung, schließlich auch in einem Buch viele Amateuraufnahmen und Privatfotografien gesammelt hat, um ganz individuelle Reaktionen und Wahrnehmungen zu dokumentieren. Das ist ein Weg, um einem vorschnellen Rückgriff auf ganz bestimmte Stereotypen auch entgegenzuwirken und diese Nahtstelle offen zu halten. Dass das in modernen Massenmedien nur schwierig vermittelbar ist, ist die andere Seite dieser Gratwanderung, von der ich gesprochen habe.

Gabi Wuttke: Wie schätzen Sie denn ein, ist der Umgang oder sollte der Umgang sein zum Beispiel jetzt nicht mit den Bildern des Terrors, aber mit Nachrichten der Terroristen, die ja auch immer wieder mit Videoansprachen und sonstigen furchtbaren Bildern auch über Erschießungen von Geiseln in den Medien dargestellt werden?

Koch: Es hat in den siebziger Jahren im Umgang mit der deutschen Roten Armee Fraktion die Strategie gegeben, dies möglichst stark aus den Medien herauszuhalten, insbesondere 1977. Das hat, glaube ich, mit zur Radikalisierung der RAF beigetragen. Diese Isolation oder dieses Ausgrenzen halte ich nicht für einen passablen Weg. Dazu ist, glaube ich, auch der globale Kontext, in dem diese medialen Einheiten verschoben werden, viel zu komplex, weil wir nicht nur über das Fernsehen, sondern auch über das Internet und über Globalisierungsphänomene reden.

Man wird Formen finden müssen, um das in Interpretationen dieser Bildhaushalte einzubinden. Das passiert ja auch stellenweise. Ich glaube, im Umgang mit den Gewaltbildern des Terrorismus müssen Medien auch eine neue Form der Langsamkeit entdecken.



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