KulturPolitik
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16.9.2004
Kampf der Kulturen?
Interview mit Bassam Tibi, Politik- und Islamwissenschaftler
Moderation: Gabi Wuttke

Nahost-Konflikt (Bild: AP)
Nahost-Konflikt (Bild: AP)
Tibi: Eine gemeinsame Identität aller Menschen besteht alleine darin, dass sie Menschen sind. Aber das ist nicht der Inhalt der Identität, der Inhalt der Identität ist immer Sinnproduktion, das heißt, Werte und Normen und Weltsicht. Diese variiert von einer Kultur zu einer anderen und es ist eigentlich eine Illusion zu glauben, dass Menschen über diese lokale Sinnproduktion hinaus, allein auf der Basis, dass sie Menschen sind, eine universelle Identität haben. Wir müssen von der Realität ausgehen und nicht von Konstruktionen. Kulturelle Identitäten sind immer lokale Identitäten.

Wuttke: Heißt das, die Musik ist eine Konstruktion?

Tibi: Nein, die Musik ist eine Konstruktion von einer Kultur. Zum Beispiel die arabische Musik ist auch Bestandteil der arabischen Identität, selbst sie variiert. Arabische Musik in Marokko ist nicht arabische Musik in Syrien oder im Irak. Aber die Musik kann helfen, Brücken zu bauen, aber nur unter einer Bedingung, das heißt, parallel zur Musik muss verbalisiert werden. Ich habe in Weimar vor zwei Jahren mit Herrn Barenboim daran gewirkt, Palästinenser und Israelis zusammenzubringen. Diese Palästinenser und Israelis haben sich sehr gut verstanden, als sie Beethoven oder Mozart gespielt haben und nicht geredet haben, aber als sie angefangen haben zu reden, da war diese Harmonie, die auf der Basis der Musik hergestellt worden ist, weg. Das heißt, wenn wir alleine davon ausgehen, dass Musik ohne miteinander zu sprechen verbindet, dann ist diese Verbindung nicht dauerhaft, oberflächlich.

Wuttke: Warum meinen Sie, dass die Note, der Ton nicht auf einer gleichen Ebene zum Verständnis beitragen kann wie das Wort, wie das gesprochene Wort?

Tibi: Bei diesem Gespräch in Weimar vor zwei Jahren habe ich gesagt, eine Voraussetzung für den Dialog ist, dass wir Muslime, Juden als Gleichwertige anerkennen. Nach islamischem Verständnis sind Juden Dhimmi, das heißt, Schutzbefohlene, Gläubige zweiter Klasse. Das ist eine Konfliktsituation, aber wenn man zusammen Mozart spielt, da kann das hinweggeschwemmt werden, aber wenn man parallel zu Mozartspielen darüber redet, wir sind Menschen, also wir Muslime und wir Juden sind Menschen und wir sind gleichwertig, dann stößt man auf einen Konflikt mit einer islamischen Norm, die Muslime höher stellt als Juden. Aber man muss darüber reden. Wir können diese Konfliktsituation nicht lösen, wenn wir nicht darüber reden, wenn wir nur ein Klavierkonzert von Mozart spielen.

Wuttke: Welchen Stellenwert haben denn dann kulturelle Identitäten für Sie drei Jahre nach dem 11. September 2001. Ist es vor allen Dingen Konflikt?

Tibi: Ich war voriges Jahr in Tunesien an einer islamischen Staatsuniversität und wir haben sehr offen über eine Konfliktsituation geredet. Es gibt eine islamische Vorstellung vom globalen Djihad und es gibt eine Friedensvorstellung vom demokratischen Frieden. Mit Muslimen, mit aufgeklärten Muslimen in Tunesien war es möglich, auch mit anderen westlichen Menschen im Dialog über diese Probleme zu reden. Man kann kulturübergreifende Brücken schlagen, aber diese ergeben sich nicht von allein, man muss darüber reden. Es gibt eine Konfliktsituation zwischen Djihad und zwischen demokratischem Frieden und ich glaube, diese Situation ist lösbar, wenn beide Parteien bereit sind zu spielen. Bei dem Dialog, das ist vielleicht nur eine Fußnote, haben wir auch Musik gespielt. Also, wir haben miteinander geredet, wir haben Referate gehalten und zwischendurch wurde Musik gespielt. Die schöne Musik hat zur Harmonisierung gedient. Es war sowohl tunesische Musik als auch westliche Klassik-Musik. Aber allein die Musik reicht nicht aus.

Wuttke: Kulturelle Identität zwischen den Schlagworten, Kampf der Kulturen und Gutmenschentum, ein Begriff, der in Deutschland in den 80er Jahren erfunden wurde. Zwischen Ground Zero und der Schule in Beslan, was ist für Sie dann das Wichtige beim Brückenschlagen?

Tibi: Guten Willen muss man haben, den habe ich auch, aber ich bin kein Gutmensch. Ein Gutmensch verleugnet Konfliktsituationen, aber wir wollen Frieden haben, wir wollen unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Identitäten haben, wollen wir Brücken schlagen zwischen Menschen und das heißt, man muss Konfliktsituationen anerkennen, sie sind da. Aber ich bin gegen das Konzept vom Kampf der Kulturen. Kampf der Kulturen heißt, Menschen aus verschiedenen Kulturen kämpfen gegeneinander, aber eine Kampfsituation bedeutet Polarisierung und wir wollen keine Polarisierung. Wir wollen eine friedliche Konfliktlösung und Musik verbunden mit Verbalisierung und der Erkenntnis, es gibt Konfliktsituationen, die nicht durch die Harmonisierung der Musik hinweggewischt werden dürfen, das kann eine Grundlage sein für ein Überbrücken zwischen den Zivilisationen in einer Konfliktsituation.
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