KulturPolitik
KulturPolitik
Montag bis Samstag • 12:20
17.9.2004
Zum 50. Geburtstag der Berliner Amerika-Gedenkbibliothek
Interview mit Richard Aker, dem Kulturattaché der amerikanischen Botschaft

 Bibliothek (Bild: AP)
Bibliothek (Bild: AP)
Vor 50 Jahren, 1954, wurde die Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin gegründet. Sie war ein Geschenk, das die USA den Berlinern im Westteil der Stadt nach der überstandenen Blockade von 1948/49 machten. Anlässlich des Jubiläums sprach DeutschlandRadio Berlin mit dem Kulturattaché der amerikanischen Botschaft, Richard Aker.

Gabi Wuttke: Die Amerika-Gedenkbibliothek hatte im Westteil immer eine ganz besondere Bedeutung. Hat sie heute - 15 Jahre nach Mauerfall - einen gebührenden Platz und Stellenwert im wiedervereinigten Berlin?

Richard Aker: Die lag fast direkt an der Grenze Ost-Berlins und 1954 war die Bibliothek Ostberlinern auch zugänglich. Das war der Plan. Natürlich nach 1961 bis zur Wiedervereinigung war das nicht mehr möglich. Aber wieder seit 1989 ist die Bibliothek allen Berliner zugänglich, aber Gott sei dank inzwischen ist der Begriff von öffentlichen Bibliotheken, von Public Libraries, überall in Deutschland und vor allem auch in Berlin weit verbreitet. Es gibt auch sehr gute große deutsche Bibliotheken, so dass die Amerika-Gedenkbibliothek immer noch sehr wichtig ist, aber es gibt - nicht Konkurrenten - andere Bibliotheken, die dieselben oder ähnliche Dienstleistungen erbringen.

Wuttke: Wie haben sich denn die über Jahrzehnte gewachsenen Bande zwischen zunächst der Bundesrepublik und den USA dann mit der Wiedervereinigung verändert? Wie schätzen Sie das ein?

Aker: Natürlich hat sich die Beziehung verändert, aber ich glaube immer noch, dass die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Amerikanern im Großen und Ganzen immer noch sehr eng sind. Und es gibt immer noch einen sehr lebhaften und regen Kontakt zwischen den beiden Völkern, natürlich nach dem Abzug der Alliierten Truppen, der amerikanischen Truppen aus Berlin und zum Teil aus Westdeutschland ist es nicht mehr so selbstverständlich, dass Deutsche und Amerikaner sich begegnen, aber trotzdem, ich denke, dass Deutschland und Amerika immer noch sehr gute, vor allem auf kultureller, privater und menschlicher Ebene sehr, sehr gute und enge Kontakte haben. Ich würde sagen, das hat sich im Wesentlichen nicht verändert.

Wuttke: Also die politischen Spannungen der letzten beiden Jahre haben auf die Kulturbeziehungen nicht abgefärbt?

Aker: Glaube ich nicht. Ich weiß natürlich, dass es Reibungen und Missstimmungen gegeben hat, aber das ist natürlich. Es gab immer Missverständnisse. Ich war in den 70er Jahren in Deutschland und in Schweden Anfang der 80er Jahre, zur Zeit des Doppelbeschlusses. Damals gab es wirkliche Probleme in der Beziehung. Ich finde, dass es jetzt eigentlich nicht so schlimm wie damals ist. Aber trotzdem, damals und auch zur Zeit des Vietnamkriegs und jetzt haben diese politischen Probleme den guten Beziehungen auf kultureller und menschlicher Ebene nicht geschadet.

Wuttke: Zurückblickend und damit gleichzeitig auch vorausblickend, auf welche Gemeinsamkeiten, auf welche kulturellen Wurzeln wird man sich denn Ihrer Meinung nach im deutsch-amerikanischen Verhältnis immer verlassen können?

Aker: Also die Tatsache, dass mehr als ein Viertel aller Amerikaner deutscher Abstammung sind, ungefähr siebzig Millionen Amerikaner, vielleicht mehr. Die amerikanische Universität, große Universitäten wie Harvard, MIT und andere in ihrer jetzigen Form sind sehr stark von den deutschen Universitäten des 19. Jahrhunderts geprägt und amerikanische Lehrer und Erzieher sind nach Deutschland gekommen, um das deutsche Hochschulwesen zu studieren und davon zu lernen. Es gibt einen großen kulturellen Austausch in der Kunst, in der Literatur seit einem Jahrhundert oder mehr...

Wuttke: Im Augenblick gibt es die MOMA-Austellung.

Aker: Natürlich, und das war ein unglaublich großer Erfolg. Es ist nur schade, dass es dieses Wochenende leider so früh zu Ende geht.

Wuttke: Die amerikanische Kultur hat natürlich auch Deutschland ganz stark geprägt. Wovon wünschen Sie sich manchmal mehr? Was fehlt Ihnen als Amerikaner in Berlin?

Aker: In Berlin fühlt sich ein Amerikaner sehr wohl. Ich persönlich finde die Menschen sehr offen. Ich mag die Direktheit der Berliner.

Wuttke: Da sind Sie einer der wenigen.

Aker: Sie meinen die berühmte Berliner Schnauze?

Wuttke: Genau!

Aker: Ja, das hat Vor- und auch Nachteile. Aber ich finde eigentlich die amerikanische Popkultur, die sehr wenig mit der echten amerikanischen Kultur zu tun hat - also zum Beispiel Fastfood oder Actionfilm. Wenn man das alles sehen möchte, das ist in Berlin allgegenwärtig.

Wuttke: Aber das wirklich Amerikanische, das fehlt Ihnen ein bisschen? Jenseits von Hollywood und Coca Cola?

Aker: Was ich in Berlin vermisse, wenn ich außerhalb der USA bin, ist dieser "volunteer spirit", der Voluntarismus der Amerikaner. Das kommt vielleicht von dem Leben an der Grenze. Im 18. und 19. Jahrhundert, als Amerika besiedelt wurde, waren die Nachbarn immer bereitwillig, sich gegenseitig zu helfen. Ich finde, das hat unseren Nationalcharakter ziemlich stark geprägt. Das fehlt mir ein bisschen.

-> KulturPolitik
-> weitere Beiträge
-> In West-Berlin wird die Amerika-Gedenkbibliothek eingeweiht (KalenderBlatt)
-> "Wegen Überfüllung geschlossen" (Kalenderblatt)