KulturPolitik
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22.9.2004
Islamistischer Terror ist Thema des 29. Orientalistentages
Interview mit dem Orientalisten Professor Jürgen Paul
Moderation: Susanne Führer

Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York (Bild: AP)
Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York (Bild: AP)
Führer: Herr Professor Paul, Indogermanistik, Iranistik, Arabistik, das sind ja diese so genannten Orchideenfächer, aber jetzt seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, seit den vielen anderen Terroranschlägen und der Entwicklung im Irak gibt es eine relativ große Aufmerksamkeit für die Orientalisten. Das mag Sie freuen, der Grund wohl nicht?

Paul: Das ist sicher richtig, dass der Grund mich nicht freut. Ich komme zurück auf den Begriff "Orchideenfach". Das ist eine alte Bezeichnung, die wir nicht mehr so gerne hören, weil eine Orchidee eigentlich teuer, nutzlos und dekorativ ist. Wir empfinden uns nicht nur als nutzlos und auch nicht nur als bloße Dekoration. Von den Fächern, die Sie genannt haben, sind einige durchaus auch in den aktuellen Debatten involviert. Die steigende Aufmerksamkeit freut uns natürlich. Sie schlägt sich in unserem Kongress in der gestiegenen Teilnehmerzahl nieder. Das ist gegenüber der vorigen Veranstaltung dieser Serie, dem 28. Orientalistentag im März 2001, vor dem 11. September also, eine Steigerung von über 50 Prozent. Daran können Sie es ermessen.

Führer: Schlägt sich denn dieses gewachsene öffentliche Interesse auch in der Ausstattung der Fächer an den Universitäten nieder. Also bekommen Sie da mehr Geld, um es mal klar zu sagen?

Paul: Glattes Nein. Es wird auch von uns erwartet, dass wir viele Fragen beantworten, Analysen begleiten oder erstellen, aber die Ausstattung ist nicht gestiegen. Die orientalistischen Fächer werden genauso wie alle anderen auch durch die Staatszwänge betroffen. Die Sparwelle rollt ja durch die Republik, und sie macht vor den orientalistischen Fächern natürlich nicht halt. An einigen Standorten eher im Gegenteil, da werden kleine Fächer besonders bedroht. Bei uns nicht, da sind wir ganz froh darüber. Wir werden nicht ganz verschont von den Sparprogrammen, aber wir können in Halle unsere Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten. Das ist in anderen Standorten nicht gegeben.

Führer: Kommen wir noch mal zu dem Grund für das gestiegene öffentliche Interesse, der islamistische Terrorismus. Wie weit gehen denn die Orientwissenschaften selbst darauf ein? Befasst sich jetzt zum Beispiel Ihre Tagung damit im großen Maßstabe, oder ist da so eine öffentliche Diskussion angesetzt und damit war es das dann?

Paul: Es gibt eine große öffentliche Diskussion, die war gestern, eine Podiumsdiskussion im Mitteldeutschen Rundfunk, die war am Montag. Es gibt eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen in dem, was wir "Forum Politik und Zeitgeschichte" nennen. Da sind die wichtigsten Brennpunkte alle vertreten, Tschetschenien, Irak, Afghanistan und andere Gegenden, der Palästina kommt in dem begleitenden Filmprogramm zur Geltung. Also es ist eigentlich alles da, und es ist ein integraler Bestandteil unserer täglichen Arbeit. Wir vertreten das auch in der Lehre. Auch diejenigen, deren Forschungsschwerpunkt nicht die zeitgenössische islamische Welt ist, haben das in der Lehre zu vertreten. Also man muss die entsprechenden Hintergründe kenne, auch das islamistische Schrifttum. Man muss die Traditionen versuchen zu verstehen, die dahin führen, Denkansätze zu begreifen, die sich dahinter verbergen können usw.

Führer: Das heißt, Ihre Curricula haben sich relativ rasch dann ja geändert in den letzten Jahren?

Paul: Das ist der Fall, aber nicht erst als Antwort auf den 11. September, sondern lange vorher schon ist das ein Prozess, der die orientalistischen Fächer jetzt insbesondere bezogen auf den Nahen und Mittleren Osten erreicht hat. Wenn man ein Datum haben will, geht das eigentlich Ende der siebziger Jahre los, und unsere Fächergruppe Nahost- und Mittelostwissenschaften ist öffentlich gut hörbar seit etwa 1990, wenn man ein Datum geben soll.

Führer: Die Orientwissenschaften haben traditionell noch wenige Studenten, um mal das Wort vom Orchideenfach noch mal zu bemühen, auch wenn Sie das nicht gerne hören. Es hat eben eine Bedeutung von Seltenem, davon gibt es wenige. Hat es sich eigentlich geändert? Schlägt sich das auch jetzt schon in den Studentenzahlen nieder?

Paul: An den großen Instituten massiv. An der Freien Universität in Berlin zum Beispiel sitzen da gelegentlich schon mal 100 Leute im Arabisch-Anfängerkurs. Das ist bei uns nicht der Fall, auch wenn wir von der erhöhten Studentenzahl profitieren. Wir haben jetzt in etwa 20, 25 Anfänger jedes Jahr. Das ist mehr als wir früher hatten.

Führer: Kommen wir noch mal zurück zu dem Orientalistentag, dem eigentlichen Anlass für unser Gespräch. Wir haben es gerade schon gesagt, Sie haben es gesagt, sehr viele Teilnehmer, Tausend Wissenschaftler sind angereist. Kommen die denn aus dem deutschsprachigen Raum vorwiegend oder auch von weit weg, also auch aus dem Orient?

Paul: Auch aus dem Orient natürlich. Das ist ein Programm, das auch dadurch gekennzeichnet ist, dass wir nicht nur über die Regionen forschen wollen, sondern zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus den Regionen. Also gemeinsame Forschungsprogramme sind inzwischen die Regel eigentlich. Dass sich ein Gelehrter in seinem europäischen Lehrstuhl zurücklehnt und über den Orient forscht, diese Vorstellung gehört der Vergangenheit an. Es ist die Regel, dass man mit Kollegen in den orientalischen Ländern zusammen Forschungsprojekte betreibt, und das führt natürlich auch dazu, dass massiv Kolleginnen und Kollegen aus den entsprechenden Ländern hier anwesend sind. Darüber freuen wir uns ganz besonders.

Führer: Vielen Dank für das Gespräch.
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