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24.9.2004
Russisches PEN-Zentrum warnt vor Zensur
Interview mit der Publizistin und Historikerin Irina Scherbakowa

Russische Zeitungen (Bild: AP)
Russische Zeitungen (Bild: AP)
Christel Blanke: Die russische Autorenorganisation PEN hat gestern vor Zensur in Russland gewarnt. Halte die Beschneidung des freien Wortes unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung weiter an, dann werde die Bevölkerung bald ebenso stumm sein, wie in den Jahrzehnten des kommunistischen Regimes, heißt es in einer Erklärung des PEN-Zentrums. Irina Scherbakowa ist Professorin für Zeitgeschichte in Moskau. Frau Scherbakowa, sehen Sie diese Gefahr auch? Ist die russische Bevölkerung auf dem Weg zu verstummen?

Irina Scherbakowa: Ich werde die Frage ein bisschen anders beantworten. Die Macht will es eigentlich. Es ist absolut klar, dass unsere Macht jetzt manches unternehmen will, schon unternommen hat. Es hat sich die ganze Mediensituation in den letzten drei Jahren massiv verändert, besonders, was Fernsehen betrifft und da würde ich das andersrum sagen: Die Macht will keine Glasnost mehr. Wir können uns ja noch so gut daran erinnern, dass die ganze Umwandlungsgeschichte in Russland eigentlich mit der Parole Glasnost - das ist, glaube ich, auch in Deutschland noch ganz stark in Erinnerung - Glasnost, also Transparenz, war das erste Wort, die Transparenz der Macht, die Transparenz der Tätigkeit der Partei und allen möglichen Organen. Damit hat unsere demokratische Umwandlung angefangen. Wenn die Macht diese Schritte zurückentwickelt und zwar ganz massiv, indem unser Fernsehen und die staatlichen Kanäle und auch andere, fast schon aus Angst, dass der Staat und die Macht angreift, die Informationen so stark dosieren, dass viele Wahrheiten, zum Beispiel was wirklich im Nordkaukasus passiert und die Bevölkerung nicht mehr erreichen, dann sehen wir auch zum Teil ganz stark die Ergebnisse dieser Politik.

Blanke: Wie gehen denn die Menschen in Russland damit um? Wird es kritisiert oder nimmt man es hin im Sinne von, na ja, das war ja in Sowjet-Zeiten auch nicht anders?

Scherbakowa: Es wird natürlich kritisiert, bloß es ist - also wissen Sie, die Menschen sind ja müde. Die Perestroika hat mit dieser Glasnost Parole angefangen und eigentlich die größte Errungenschaft dieser Umwandlung war die Pressefreiheit und Meinungsfreiheit. Aber die Menschen haben diese Früchte der Demokratie nicht so schnell gesehen oder nicht sehen können, weil das ja auch ein sehr langwieriger Weg ist, mit vielen Schwierigkeiten, Entbehrungen und auch Lügen und einer ganz falschen Medienpolitik, die in manchen Medien gemacht worden war und Manipulationen. Und die Menschen sind einfach müde und haben aufgehört, das zu schätzen, was eigentlich Perestroika gebracht hat. Unsere Wahlergebnisse sind dementsprechend. Für mich als Historikerin und für viele Menschen hier, die, glaube ich, genauso denken wie ich, ist das natürlich ein bedrohliches, ein ganz bedrohliches Zeichen. Und wissen Sie, was das Schmerzhafte ist? Dass die Macht das zwar will, aber wie schnell viele Menschen, Menschen, die in den Medien sitzen, wie schnell sie Angst bekommen haben.

Blanke: Es scheint, als wäre auch diese Erklärung der Autorin im PEN-Zentrum recht vorsichtig gehalten. Das Wort Zensur zum Beispiel kommt darin nicht vor. Wie sieht es aus, wenn jemand tatsächlich öffentlich Kritik äußert, was muss er befürchten?

Scherbakowa: Das ist so, der Chefredakteur der flächendeckenden Zeitung im Land, die "Iswestja", auch eine der ältesten russischen Zeitungen, der wurde sofort nach den Ereignissen in Ossetien von seinem Posten entfernt, am nächsten Tag. Das ist natürlich eine ganz verrückte Geschichte. Wenn nicht die Sicherheitsorgane und nicht die Ortsmächte, die dort so falsch gehandelt haben, die so viele Fehler gemacht haben, nicht entlassen werden, aber dafür der Chefredakteur einer Zeitung, die über die Ereignisse ganz offen schreibt, das ist, glaube ich, wieder wirklich ein Zeichen, dass es nicht um echte Demokratie geht und nicht wirklich um Terrorbekämpfung. Was ein Mensch zu befürchten hat, wenn er in staatlichen Medienanstalten sitzt? Entlassung. Es sind viele Medienprogramme, zum Beispiel im Fernsehen, inzwischen geschlossen, wo die Leitprogramme oder die politischen Sendungen waren. Man hat einfach Angst, dass man seine Stelle verliert, oder seinen Posten und Geld verliert. Ich glaube, das ist die Angst.

Blanke: Gibt es denn eigentlich Möglichkeiten sich in Russland halbwegs objektiv zu informieren? Wie sieht es zum Beispiel aus mit der Internetnutzung?

Scherbakowa: Erstens gibt es noch Zeitungen, die unabhängig sind, zum Beispiel "Nowaja Gaseta", die alte Moskau News "Moskowski Nowosti", die "Iswestja", das sind ganz unabhängige Zeitungen. Es gibt auch einige Zeitschriften, die sehr kritisch sind, die nicht staatlich sind. Es gibt auch Radio, zum Beispiel Echo Moskwy (Echo Moskau), das auch sehr objektiv und kritisch berichtet, aber das wichtigst Medium Fernsehen, was eigentlich wirklich Millionen von Menschen erreicht, also da ist das ganz kompliziert, mit der Medienpolitik, mit den Nachrichten und der Offenheit. Aber Internet ist zugänglich, natürlich, bloß leider, wir fürchten natürlich, dass auch im Internet eingegriffen werden könnte. Sehr viele benutzen es, aber das ist ein bisschen eine Generationsfrage. Und viele Wähler zum Beispiel sind gerade die Menschen, die nicht so das Internet in Russland nutzen. Ansonsten bleibt uns natürlich das Internet als wichtigste Informationsquelle.

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