KulturPolitik
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27.9.2004
Geringes Interesse an arabischer Literatur
Interview mit Ulrich Nolte, Lektor beim Verlag C.H. Beck
Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Frankfurter Buchmesse 2003 (Bild: AP)
Frankfurter Buchmesse 2003 (Bild: AP)
Heckmann: Die Anschläge vom 11. September 2001, sie lösten damals eine wahre Flut von Büchern über den Islam und seine radikale Spielart, den Islamismus, aus. Das Bedürfnis der Menschen, mehr darüber zu erfahren, was die Todespiloten der El Kaida motivierte, und weshalb es so viele Moslems gibt, die Osama bin Laden geradezu vergöttern, war gewaltig. Allein das kleine Islamlexikon, das der C.H. Beck Verlag herausgab, verkaufte sich innerhalb weniger Monate über 50.000 Mal. Mittlerweile ist der Boom in diesem Bereich stark zurückgegangen, allerdings wirft die Frankfurter Buchmesse ihre Schatten voraus, denn dieses Jahr ist die arabische Welt zu Gast. Darüber sprechen wir jetzt mit Doktor Ulrich Nolte, er ist Lektor beim Verlag C.H. Beck in München mit dem Spezialgebiet Orientalistik und Religion. Herr Nolte, was kann man denn über die Güte der Bücher sagen, die nach dem 11. September oder auch zum Irakkrieg erschienen? Überwogen da die Qualitätsprodukte oder gab es auch viel Trash?

Nolte: Da gab es auch viel Trash. Ich will aber erst mal eine Bemerkung von Ihnen richtig stellen. Das klang eben so, als hätten wir das Islamlexikon nach dem 11. September herausgebracht, wir haben es aber drei Wochen vorher herausgebracht. Mich hat dann schon geärgert, dass andere Verlage mit recht trashigen Schnellschüssen nachgezogen sind. Es gab sicher auch Qualitätsprodukte, die dann natürlich auch nicht sofort erschienen sind, das kann ja auch gar nicht so sein. Man kann kein gutes Buch meines Erachtens in vier Wochen schreiben. Die guten Bücher sind dann eigentlich 2003/2004 erschienen, die gab es natürlich auch. Aber der Irakkrieg war wieder ein Beispiel dafür, dass da viele überrascht waren und uns eine neue Trash-Welle überrollt hat. Ich glaube es gab allein zwei bis drei Geschichten des Irakkrieges, bevor der Krieg noch richtig losgegangen war oder bevor er zu ende war, das ist in höchstem Maße unseriös.

Heckmann: Wir erinnern uns an Namen wie Peter Scholl-Latour, die sehr häufig in den Medien präsent waren zu dieser Zeit. Wie steht es mit der Tendenz großer Verlage auf solche Namen zu setzen und wie beurteilen Sie das?

Nolte: Bei den großen Namen würde ich zweierlei unterscheiden. Da gibt es einerseits die großen Journalisten, wie Scholl-Latour, der mir persönlich sehr sympathisch ist, ihn würde ich von dem Trash-Vorwurf explizit ausnehmen, obwohl ihm dieser Vorwurf ja auch oft gemacht wird, aber ich glaube er hat eine ganz gute und auch fundierte Sicht auf den islamischen Orient. Neben Scholl-Latour gibt es dann die eigentlichen Islam-Wissenschaftler an den Universitäten als gute Autoren, die auch sehr umworben sind und Qualität vorlegen.

Heckmann: Wie lange hielt der Boom insgesamt in der Literatur über den Islam an und hat sich das Interesse der Leser eigentlich auch irgendwie verlagert?

Nolte: Also nach dem 11. September, um mal dort zu beginnen, wurde uns eigentlich alles abgekauft, was mit dem Islam zu tun hatte. Da hatte auch der Leser eigentlich nicht differenziert und anderen Verlagen ging es auch so, die Lager waren schnell leer geräumt. Dieses Interesse brach aber nach vier bis fünf Monaten zusammen. Es blieb dann das Interesse am islamistischen Fundamentalismus und an der Politik im islamischen Raum, das ist meines Erachtens ein sehr verengter Blick auf die islamische Welt, weil die ganze Kulturgeschichte, auch die längere politische Geschichte ausgeblendet wird. Aber das hat sich dann bis zum Irakkrieg gehalten und während des Irakkriegs hat man ganz gut einen neuen Umschwung gesehen. Jetzt ist meines Erachtens das Interesse am Islamismus und an der Politik im islamischen Raum schon wieder zurückgegangen. Das hat sich dann ganz extrem auf die USA verlagert und in diesem Sommer war ein USA-Boom oder ein George-Bush-Boom.

Heckmann: Wie steht es denn eigentlich um das Interesse an Werken muslimischer Autoren?

Nolte: Das ist eine gute Frage. Dieses Interesse ist sehr gering. Hier müsste man jetzt unterscheiden, einerseits Schriftsteller, Poeten und Romanschreiber, das Interesse an denen ist eigentlich auch recht gering. Da gibt es natürlich die Großen, also diese Schriftsteller werden gekauft. Aber sonst sind es eigentlich die kleinen Verlage, vor allem kleine Schweizer Verlage, wie Unionsverlag, Linos oder Amman, die sich darum verdient machen. Das sind kleine Verlage, die mit kleinen Auflagen kalkulieren können. Und das zeigt eigentlich schon, das Interesse des Publikums an Literatur aus arabischen Ländern ist meines Erachtens sehr gering, da darf man sich nichts vormachen. Noch schlimmer ist eigentlich, was das Interesse an islamischen Intellektuellen angeht. Es wäre es dringend notwendig, dass wir in Deutschland auch mal Stimmen aufgeklärter Muslime haben, die auch aus dem Islam und nicht über den Islam, also aus dem Islam heraus das Islambild hier zurecht rücken. Da tut sich eigentlich kaum etwas. Wobei ich jetzt gleich einschränkend sagen muss: Ich als Lektor, der sich jetzt noch etwas umsieht, sehe auch, wie schwer das ist. Wir müssen natürlich auch mit verkäuflichen Auflagen kalkulieren und vieles von dem, was interessant erscheint, erscheint dann zugleich als sehr, sehr schwer verkäuflich.

Heckmann: Legen Sie trotzdem neue Werke vor in dem Bereich zur Frankfurter Buchmesse?

Nolte: Wir haben jetzt zur Frankfurter Buchmesse eigentlich nur Bücher über den Islam und über die arabische Welt. Mit einer Ausnahme, das sind Gedichte von Frauen aus der islamischen Welt, die Annemarie Schimmel übersetzt hat, bevor sie gestorben ist. Diese Gedichte von Frauen aus der islamischen Welt, auch vor allem aus der arabischen Welt, sind ein ganz interessanter Einblick. Es geht vor allem um Gegenwartslyrik von Frauen. Aber das ist eine Ausnahme, sonst haben wir die klassischen Sachbuchautoren, Geschichte der arabischen Welt oder eine Geschichte der arabischen Welt, eine Länderkunde zu Saudi-Arabien...

Heckmann: Spannende Themen mit Ulrich Nolte, Lektor beim Verlag C.H. Beck in München. Wir sprachen über den Stellenwert der Literatur über den Islam nach dem 11. September. Vielen Dank.

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