KulturPolitik
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29.9.2004
Für eine Quote deutscher Musik im Radio
Interview mit Jim Rakete, Initiator der "Musiker in eigener Sache"

16. Popkomm in Berlin  (Bild: AP)
16. Popkomm in Berlin (Bild: AP)
Dirk-Oliver Heckmann: Wenn Sie unser Programm regelmäßig einschalten, dann wissen Sie, bei uns hören Sie einen recht hohen Anteil qualitativ guter, deutscher Musik. Die Regel für Radioprogramme ist das nicht, geschweige denn für kommerzielle Programme. Seit Jahren schon wird deshalb darüber gestritten, ob es auch hier zu Lande eine Quote für deutsche Musik geben soll, so wie sie in Frankreich schon seit zehn Jahren für französische Produktionen gilt. Pünktlich zum Start der Popkomm tragen Musiker und Produzenten ihr Anliegen heute vor dem Bundestagsausschuss für Kultur und Medien vor. Über 600 Künstler von Xavier Neidoo bis Wolfgang Niedecken unterzeichneten außerdem einen entsprechenden Aufruf. Initiator der Aktion ist der Fotograf und ehemalige Manager von Nena, Jim Rakete. Er ist jetzt bei uns am Telefon. Jim Rakete, was kann eine Quote für deutsche Musik bringen, haben wir in Deutschland nicht schon genug Regelungen?

Jim Rakete: Die Quote, die uns vorschwebt, das Wort ist eigentlich schon bisschen falsch, wir möchten im Grunde genommen eine Quote haben für die Erneuerung der Musik. Die Musiker haben den Eindruck gewonnen aus den letzten Jahren, dass einfach nicht genügend eigene Kultur gespiegelt wird in unseren Sendern und wir haben also zum Beispiel Phänomene, dass amerikanische Songlieferanten sofort in der A-Rotation landen von irgendwelchen Privatradios, während deutsche Interpreten irgendwie in der C-Rotation landen und versteckt werden im Nachtprogramm. Auf diese Weise reißt natürlich, sagen wir einmal, diese Verbindung zur eigenen Kultur sehr stark ab.

Heckmann: Aber jetzt sagen ja die Programmmacher, dass sie eben die Musik spielen, die die Hörer hören wollen und eine Mehrheit will eben keine deutsche Musik hören, so heißt es. Warum sollen nicht die Hörer entscheiden, was sie hören wollen?

Rakete: Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, wir sind große Fans davon. Jeder Musiker stellt ja im Grunde genommen seine Arbeit frei zur Verfügung und die wird genommen oder nicht genommen, die wird gewählt oder nicht gewählt. Aber was wir hier haben, sind ja Radioprogramme teilweise, die werden in Holland an irgendwelchen Computern gemacht. Es ist ja nicht, dass irgendein Publikum abstimmt, sondern es ist so, dass diese Musik dem Publikum nicht mehr vorgestellt wird. Die Quote, die tatsächlich praktizierte Quote, das ist ja der Witz bei dieser ganzen Diskussion, die hier Kopf steht, die Quote, die wir haben, ist ja die Quote einer Ablehnung deutscher Musik, weil, wenn Sie in die Statistik gucken, dann sehen Sie, dass sie jetzt bei den Top-Twenty der Verkaufscharts, also was über den Ladentisch geht, davon haben sie 70 Prozent deutsche Musik, und davon spiegeln sich an Neuvorstellungen in den Programmen gerade einmal ein Prozent.

Heckmann: Ich wollte gerade sagen, es gibt ja einen regelrechten Boom der deutschen Musik. Ist es da nicht sinnvoll, einfach darauf zu setzen, dass sich die Künstler und Produzenten über die Qualität durchsetzen? Denn bei der älteren Generation, ich nenne mal Nena als Beispiel, hat das ja auch geklappt.

Rakete: Sicherlich kann sich ein Musiker langfristig nur durch Qualität durchsetzen, das ist ja gar nicht die Frage. Aber wir haben ja hier noch ein zusätzliches Phänomen, wir können ja gar nicht beurteilen, was passieren würde, wenn diese Musik im Rundfunk ordentlich gespielt würde? Wenn Sie sich mal die großen Erfolge der Mitte 90er Jahre angucken, wenn Sie sich mal die Umsatzzahlen eines Herbert Grönemeyer angucken, der das Airplay im Rücken hatte, also sehr, sehr gutes Material auf den Markt brachte, da sind Verkaufszahlen entstanden, die waren unfassbar hoch.

Heckmann: Wofür soll denn die Quote genau gelten? Für deutschsprachige Musik oder für Musik, die in Deutschland produziert wird oder für Sänger, die aus Deutschland kommen oder einen deutschen Pass haben? Wo will man da die Grenze setzen und ist eine solche Regel im Zeitalter der Globalisierung eigentlich sinnvoll?

Rakete: Ganz bestimmt nicht so bürokratisch. Es geht im Wesentlichen um Musik, die in Deutschland produziert wird und selbstverständlich muss man miteinbeziehen derer, die auch international ausdrücken möchten, auf jeden Fall. Dass aber die Sprache kulturell einen ganz besonderen Schutz genießt und dass man auch wirklich darauf achten muss, dass haben uns nun wirklich die Franzosen vorgelebt, die eine Akademie haben, die wirklich über die Quote wacht und die auch sehr über die Sprache wacht. Also, wenn ein amerikanischer Film ins Französische übersetzt wird, dann sagen die Leute da ja auch nicht "Computer", sondern die sprechen von "Ordinateur", weil den Franzosen eben ihre Sprache wichtig ist.

Heckmann: Aber die Franzosen haben auch eine ganz andere Tradition mit ihrem Chanson.

Rakete: Dann lasst uns doch mal eine Tradition aufbauen, die dem entspricht. Ich kann das jetzt nicht mehr hören, dass man sagt, ja die Franzosen haben doch aber eine Tradition. Dann fangen wir jetzt eben eine neue Tradition an! Es kann doch nicht sein, dass wir immer in diesem Gejammer stehen bleiben und immer wieder das Bild des hässlichen marschmusikorientierten Schlagerdeutschen entwickeln. Das kann doch nicht sein!

Heckmann: Kann es denn sein, dass auch bei den Plattenfirmen Fehler gemacht wurden, die sich nicht genug um den eigenen Nachwuchs gekümmert haben und ihr nationales Repertoire immer weiter ausdünnen?

Rakete: Na sicher. Sicher sind bei den Plattenfirmen Fehler gemacht worden und sicherlich hat meine Generation wirklich am allermeisten verbockt, weil wir haben ja angefangen mit der 68er Bewegung eine deutschkritische Diskussion zu führen und ein großer Teil der Autoaggression, die heute spürbar ist bei den Deutschen, hängt damit zusammen, dass damals eben Themen ventiliert wurden und dass sie heute zurückschlagen auf die Kultur. Dass, wenn man Rammstein hört, dann fallen da sofort irgendwie so Sätze wie Deutschtümelei, das ist zu undifferenziert. Ich bin in den letzten Tagen eben auch öfter mit diesem Adjektiv bedacht worden, dass ich deutschtümelig sei und ich musste wirklich in den Spiegel gucken und mal überlegen, wie kommt jemand dazu, mir, der ich ganz viele Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika gelebt habe und die auch liebe, wie kommt jemand zu dieser Unverschämtheit, mir das vorzuwerfen. Ich habe wirklich damit nichts und auch gar nichts am Hut. Sie werden auch heute sehen, die Künstler, die im Bundestag sitzen, die sind weiter davon entfernt als Lichtjahre.




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