KulturPolitik
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11.10.2004
Wiederaufbau auch im kulturellen Bereich fördern
Interview mit Norbert Spitz, Leiter des Goethe-Instituts in Kabul
Moderation: Kirsten Lemke

Alphabetisierung in Kabul: Schüler und Studierende üben das afghanische Alphabet (Bild: AP-Archiv)
Alphabetisierung in Kabul: Schüler und Studierende üben das afghanische Alphabet (Bild: AP-Archiv)
Lemke: Über den Besuch des Bundeskanzlers in Afghanistan haben wir ja schon zu Beginn der Sendung berichtet, eine Station war auch das Goetheinstitut in Kabul, das seit gut einem halben Jahr von Norbert Spitz geleitet wird. Jetzt ist er am Telefon. Herr Spitz, was hat Kanzler Schröder zu Ihrer Arbeit gesagt?

Spitz: Der Kanzler hat die Gelegenheit genutzt, sich hier im Goetheinstitut nicht nur mit den Kollegen des Goetheinstituts zu unterhalten, sondern vor allem auch um Schülerinnen und Schüler der beiden deutschen Schulen hier in Kabul zu treffen und sich mit denen über ihre Reise nach Deutschland im vergangenen Sommer auszutauschen. Dieses Gespräch nahm den größten Teil der Zeit in Anspruch, weil er natürlich viele Fragen an die Schüler hatte und die Schüler natürlich auch dem Bundeskanzler ihre Eindrücke aus Deutschland vermitteln wollten.

Lemke: Welche Eindrücke haben denn die Schüler da berichtet?

Spitz: Der interessanteste Eindruck war, dass Deutschland doch nicht das Paradies auf Erden ist, wie sie sich das vorgestellt hatten, als sie Deutschland noch nicht kannten. Sondern, dass es auch in Deutschland arm und reich gibt, dass es schöne Gegenden und weniger attraktive Gegenden gibt, dass es schöne Häuser und nicht so schöne Häuser gibt, das hat die Schüler sicher sehr überrascht, weil ansonsten doch hier das sehr positive Deutschlandbild dominiert.

Lemke: In Afghanistan gibt es ja einen sehr sehr großen Nachholbedarf an allem Kulturellen, was ja weitgehend unter dem Taliban-Regime verboten war. Welche Bedürfnisse stehen da eigentlich an erster Stelle bei den Menschen?

Spitz: Ich glaube, im Kulturbereich gilt das Gleiche, was auch in allen anderen Bereichen der Gesellschaft gilt: Man muss erst mal wieder aufbauen. Wenn Sie sich vorstellen, dass vor allem in der Talibanzeit ja gerade auch im Kulturbereich viel zerstört wurde und vieles verboten war, wie Musik, wie jegliche Art von bildlicher Darstellung, also Malerei, Skulptur, Plastik, Film, Theater, Tanz. All das gab es viele Jahre lang nicht und da ist auch wirklich in den Jahren in den Köpfen viel verloren gegangen. Wir sind dabei, sowohl materiell wieder aufzubauen, indem wir Kulturinstitutionen mit Materialien ausstatten, aber vor allem auch intellektuell, indem wir deutsche Kulturschaffende einladen, für kürzer oder länger hierher zu kommen und den Kulturdialog mit Afghanistan wieder aufzunehmen.

Lemke: Interessieren sich die Menschen denn überhaupt jetzt für deutsche Kultur? Steht da nicht erst mal die eigene Kultur wieder im Vordergrund?

Spitz: Das ist natürlich richtig. Das Goetheinstitut pflegt einen kulturellen Dialog mit dem Ausland, aber wenn die andere Seite über keine Materialien mehr verfügt, um ihre eigene Kultur zu produzieren, dann ist klar, dann funktioniert der Dialog auch nicht.

Also, daher unser erster Akzent auf Wiederaufbau und wenn Sie sich in der Geschichte umgucken, Kultur war immer ein wichtiges Vehikel, um auch eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Und wenn wir auf unsere Vergangenheit in Deutschland zurückgucken haben wir ja auch viel Erfahrung gemacht im Bereich Kultur in Deutschland für Neuorientierung der Gesellschaft und das ist hier nicht viel anders.

Lemke: Es gibt ja auch in Afghanistan eine hohe Analphabetenquote. Wie gehen Sie denn damit um, wenn diese grundlegenden Dinge erst mal fehlen?

Spitz: Das ist schon richtig, dass man landesweit eine Analphabetenquote von über 70 Prozent hat. Aber natürlich ist es in den Städten weniger und in den ländlichen Gebieten mehr. Und die Partner, mit denen wir viel zusammenarbeiten sind natürlich Kulturinstitutionen, kulturelle Einrichtungen, Schulen und Universitäten, wo sich die Frage nicht mehr stellt.

Allerdings haben wir, weil das Problem natürlich virulent ist, unter anderem auch ein Projekt zur Leseförderung für Kinder aufgelegt, indem wir klassische deutsche Kinderbücher haben übersetzen lassen in die beiden Landessprachen Tari und Paschtu, haben hier drucken lassen und verteilen diese Bücher im ganzen Land.

Also, ich nenne nur mal ein paar Titel: Emil und die Detektive, Die kleine Hexe, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, also ganz klassische Kinderbücher, mit denen wir jetzt auch Leseevents machen für Kinder, um Kindern die Lust am Lesen zu vermitteln in einer Gesellschaft, die keine ausgesprochene Lesegesellschaft ist.

Lemke: Norbert Spitz war das, der Leiter des Goetheinstituts in Kabul, vielen Dank für das Gespräch.

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