KulturPolitik
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12.10.2004
Gehört die Türkei kulturell zu Europa?
Interview mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu
Moderation: Kirsten Lemke

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Bild: AP-Archiv)
Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Bild: AP-Archiv)
Lemke: ... Im biographischen Munzingerarchiv werden Sie als deutscher Schriftsteller und Journalist türkischer Herkunft bezeichnet. Das ist ein bisschen sperrig. Als was sehen Sie sich?

Zaimoglu: Als deutschen Schriftsteller. Ich meine, dieser Seminarton, beziehungsweise diese ganzen Begriffe kommen ja auf, weil man auch nach 40 Jahren der Migrationsgeschichte immer noch so seine Probleme hat mit der Verortung der Fremdländer. Ich halte es übrigens für sehr natürlich und gehöre also nicht zu den Ethno-Hysterikern, die sofort in Missfallensbekundungen ausbrechen. Also: deutscher Schriftsteller stimmt.

Lemke: Deutscher Schriftsteller allerdings, der sich ja thematisch vor allem auch mit der Situation der Türken in Deutschland befasst.

Zaimoglu: Da sind wir schon dabei und ich würde dann vielleicht eine kleine Nachbesserung vorschlagen. In meinen Büchern ist unter anderem (vor allem in den ersten Büchern) von den hier lebenden türkisch- und kurdischstämmigen Deutschen der jüngeren Generation die Rede, also die Zeiten, dass man sie ruhigen Gewissens als Türken bezeichnete, sind glaube ich schon vorbei.

Lemke: Also jenseits aller politischen Korrektness mal die Frage: wo sehen Sie denn Ihre kulturellen Wurzeln? Wirklich vor allem in Deutschland, wo Sie ja in erster Linie aufgewachsen sind?

Zaimoglu: Wir alle wissen doch, die wir hier unter uns sind, wir Deutschen, dass es ja etwas langweilig zuginge, wenn wir uns nur auf zwei Kulturblöcke oder auch zwei Quellen beziehen würden. Selbstverständlich kommt jeder fremdländische Deutsche in den Verdacht, er würde sich nicht losreißen können von seinen Wurzeln. Nur ich, der ich jetzt nicht unbedingt eine Identitätskrise hinter mir habe, habe es natürlich darauf angelegt, nicht nur eine einzige Wurzel zu haben wegen meiner Eltern, sondern auch da, in meinem türkischen Elternhaus, bezogen sich sowohl meine Eltern als auch ich auf viele Elemente. Drinnen wie draußen.

Lemke: Und insofern sind Sie ja eigentlich jemand, der besonders gut beurteilen kann, wo es Übereinstimmungen und Trennendes gibt zwischen diesen Kulturen. Gehört die Türkei kulturell nach Europa?

Zaimoglu: Das ist eine schwierige Frage, weil - und damit ist man hier ja zugange - man sich zunächst einmal fragen muss, was Europa ist. Ich habe in den letzten Jahren nicht unbedingt den Eindruck bekommen, dass es hier große Übereinstimmungen geben würde.

Lemke: Wären eine mögliche Übereinstimmung die christlichen Wurzeln Europas, ist Europa ein christlicher Klub?

Zaimoglu: Die Unterschiede zwischen der Türkei und Deutschland beziehungsweise Europa dürfen nicht im Sinne einer lauwarmen Ökumene einfach weggekuschelt werden. Selbstverständlich ist in Europa ein christliches Erbe festzustellen, auch wenn die Kirchen sich immer mehr leeren, dieses Erbe besteht weiterhin fort. Wir dürfen jetzt nicht sagen, auch polemisch, ja, also Europa ist ein christlicher Klub, also negativ kennzeichnend, und deshalb würde die Türkei außen vorstehen. Ja, ich sehe das christlich-abendländische Erbe, ja, ich sehe auch, dass es wirklich sehr aufregend ist, die Vorstellung, ein islamisch geprägtes Land wie die Türkei, das ist auch nicht von der Hand zu weisen, in die EU aufnehmen zu wollen.

Lemke: Wo sehen Sie denn die gemeinsamen kulturellen Wurzeln?

Zaimoglu: Auch da bin ich immer so überfragt. Es gab, was die europäischen Länder anbetrifft, - ich frage mich, wieso das nicht zur Sprache kommt - trotz des gemeinsamen kulturellen Erbes ja zwei Weltkriege in Gottes Namen. Das hat die Länder ja nicht davon abgehalten, übereinander herzufallen. Und wenn wir von Demokratiedefiziten reden - wie gesagt, ich habe die kulturellen Unterschiede zwischen der Türkei und der EU festgestellt, so muss doch der Hinweis auf das Franco-Regime in Spanien, auf die Militärjunta in Griechenland und auf die Ostbeitrittsländer, die ja einst im Warschauer Pakt waren, auch erlaubt sein.
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