KulturPolitik
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19.10.2004
Droht die Verödung von Städten und Regionen?
Interview mit Philipp Oswald, Architekt und Publizist
Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

In Ostdeutschland stehen bereits viele Wohnungen leer (Bild: AP)
In Ostdeutschland stehen bereits viele Wohnungen leer (Bild: AP)
Oswald: Das Problem ist nicht nur, wenn es ein einzelnes Großunternehmen gibt, das eine Stadt dominiert. Was wir auch gerade in Ostdeutschland finden, sind Städte, die nur einen Industriezweig haben, zum Beispiel Chemie oder Kohle. Das sind Standorte, die sehr labil und anfällig für wirtschaftliche Verschiebungen sind. Das ist etwas, was wir in Ostdeutschland in den letzten Jahren stark beobachten konnten, neben einer allgemeinen Schrumpfung der Zweige leiden bestimmte Standorte unter dieser Schrumpfung besonders.

Heckmann: Was passiert denn konkret mit diesen Städten, wenn sie als Standort ausgedient haben? Können Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen?

Oswald: Ja, das ist an sich relativ schlicht, das kann man sich auch leicht ausmalen. Es gibt natürlich erst mal diese sehr hohen Arbeitslosigkeiten, 20, 30 Prozent. Das führt zu Abwanderungsprozessen. Die Leute, die mobiler, aktiver sind, suchen andere Standorte, wo sie auch bessere Lebensperspektiven haben. Zurück bleiben eher die älteren, die weniger ausgebildeten Menschen. Man spricht dann auch von einem brain drain, ein spezifisches Problem, dass nämlich gerade die gut ausgebildeten Menschen diese Regionen verlassen, was die Krise nicht vereinfacht. Das andere ist, dass sich das natürlich auch im Straßenbild niederschlägt. Da hat man mit Leerstellen zu tun, das sind diese Industrieareale, aber das sind Abwanderungen von Bevölkerung natürlich auch in Wohngebieten.

Heckmann: Was heißt das denn für die Stimmung in einer Stadt, für das kulturelle Klima und die Lebensqualität der Menschen, die an solchen Orten dann zurückbleiben?

Oswald: Es ist etwas, was sich auch mit der persönlichen Erfahrung verbindet. Wenn Sie lange einen Beruf gehabt haben und den verlieren und sich nicht eine neue Perspektive auftut, dann sehen Sie das nicht immer nur als Versagen einer Ökonomie oder eines gesellschaftlichen Systems, wie es eigentlich zu verstehen wäre, sondern die Betroffenen sich verunsichert und zweifeln an ihnen selbst. Es gibt starke Rückzugstendenzen. Man versteht nicht mehr die Welt und zieht sich auf die eigenen vier Wände zurück. Man zieht sich damit auch aus dem öffentlichen Raum und aus dem öffentlichen Leben zurück. Ich habe das mal sehr drastisch gesehen in Glasgow in einer Siedlung. Da lebten noch 20 Prozent, 80 Prozent der Siedlung waren leer. Jetzt hätte man ja denken können, was Architekten gerne tun, jetzt gibt es so viel Platz, jetzt könnte man den Raum nutzen für anderes. Die Menschen benutzten aber real weniger Platz als wenn das voll bewohnt wäre, also sie igeln sich ganz stark an.

Heckmann: Ist das eigentlich ein Phänomen, die schrumpfenden Städte, das in allen Industrieländern zu beobachten ist?

Oswald: Ja, also wir haben bei unserer Untersuchung knapp 400 Großstädte mit über 100.000 Einwohnern gefunden, die in den letzten 50 Jahren signifikant geschrumpft sind. Man findet das insbesondere in den USA und Großbritannien, aber auch in Japan oder beispielsweise in Südafrika oder Asien, und meistens in ehemaligen Industriestandorten.

Heckmann: Fehlt den globalisierten Unternehmen das Verantwortungsgefühl, die Erdung in einer Stadt, die angestammte Betriebe noch auszeichnet?

Oswald: Ja, ich meine, das ist eine Eigenart des Kapitalismus, seit er natürlich solche Bindungen auflöst, das ist richtig. Es hat aber noch etwas anderes. Die Leute haben ja Angst, sie wandern jetzt nach China oder sonst wohin ab, strikte Ökonomie, Off-Shoring. Das ist, muss man sagen, doch teilweise ein Vorurteil. Wenn man guckt, was real passiert, die Produktion wird ja aufrechterhalten mit nur einem Bruchteil der Mitarbeiter. Zum Beispiel ist der Chemieproduktion in Ostdeutschland fast wieder auf einem Niveau wie zur Zeiten der DDR, aber mit einem Bruchteil der Mitarbeiter. Ein besonders drastisches Beispiel ist das Kraftwerk Schwarze Pumpe in der Lausitz in Ostdeutschland. Dort haben einst mal über 10.000 Menschen gearbeitet. Heute sind es 300. Es einfach extrem viel effizienter geworden, und das ist natürlich für die Unternehmen von Vorteil, für die Bevölkerung natürlich fatal.

Heckmann: Nicht nur die Global Player zeigen sich mobil, auch der Mittelstand trägt sich zunehmend mit dem Abwanderungsgedanken, setzt diesen Gedanken dann in die Tat um. Wie sollten die kommunalen Entscheidungsträger reagieren? Sich noch stärker als Wirtschaftsstandort profilieren oder reicht das nicht aus?

Oswald: Ich glaube, es gibt da gar keine so einfache Antwort drauf. Man sollte da sozusagen mit schnellen Rezepten etwas vorsichtig sein. Ich denke, viele Tendenzen zur Abkapselung eher problematisch sind. Man ist eigentlich darauf angewiesen, dass sozusagen neue Gedanken, neue Leute auch in solche Regionen kommen, und ob sie es rein aus sich heraus es wollen, ist eher fragwürdig.

Heckmann: Vielen Dank für das Gespräch.
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