KulturPolitik
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21.10.2004
"Der Kommunismus im Museum"
Interview mit Hans-Joachim Veen, Vorsitzender der Stiftung Ettersberg

Ostberliner Grenzbeamte schauen Demonstranten zu, die einen Teil der Berliner Mauer einreißen (Bild: AP Archiv)
Ostberliner Grenzbeamte schauen Demonstranten zu, die einen Teil der Berliner Mauer einreißen (Bild: AP Archiv)
Christopher Ricke: 15 Jahre nach dem Fall der Mauer ist der Kommunismus museumsreif und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Heute beginnt in Weimar eine Tagung, die sich auf internationaler Ebene mit dem Kommunismus im Museum befasst. Veranstaltet wird diese Tagung gemeinsam von der Stiftung Ettersberg und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Professor Hans-Joachim Veen ist der Vorsitzende der Stiftung Ettersberg in Weimar. Herr Veen, wenn man den Kommunismus als Leiche betrachtet, so ist diese Leiche noch warm, weil 15 Jahre in der geschichtlichen Dimension nur ein Wimpernschlag sind. Sowohl Täter als auch Opfer leben noch, teilweise sind sie in ihren subjektiven Realitäten gefangen. Ist es vielleicht noch etwas früh für eine museale Aufarbeitung?

Hans-Joachim Veen: Also die Geschichte qualmt noch, da haben Sie völlig Recht, um die es hier geht. Aber es wäre auch falsch zu glauben, uns geht es um die Musealisierung des Kommunismus oder gar die Historisierung, also das Stellen des Kommunismus in der Geschichte, sondern es geht bei dieser Konferenz "Der Kommunismus im Museum" um die Gegenwart der Vergangenheit. Es geht um die aktuelle Auseinandersetzung mit der Diktaturgeschichte oder der Okkupationsgeschichte in den postkommunistischen Staaten und insofern um ein sehr gegenwärtiges Thema, nämlich um die Art und Weise, wie die kommunistische Diktatur aufgearbeitet wird, wie sich mit ihr gegenwärtig beschäftigt wird.

Ricke: Braucht es da in jedem Land einen individuellen Weg oder kann man unter das Metathema Kommunismus auch diese Aufarbeitung stellen?

Veen: Also der Weg der Aufarbeitung, die Art und Weise, wie man sich auseinander setzt mit der kommunistischen Diktatur, ist von Land zu Land unterschiedlich. Das hängt natürlich auch mit der Art des Regimewechsels zusammen. Beispielsweise in Polen, wo der Regimewechsel eine Verhandlungssache war, ist die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus ganz anders als dort, wo, wie in den baltischen Staaten, man sich aus der Herrschaft und der Annexion befreite. Da ist das viel dramatischer, viel kraftvoller. Da ist die Bereitschaft, Schlussstriche zu ziehen, nicht ausgeprägt. Ein anderer Fall ist Ungarn, wo Reformkommunisten den Regimewechsel selber mitgeprägt haben. Da ist auch die Art und Weise des Rückblicks, der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wiederum eine andere. Also es ist von Land zu Land sehr unterschiedlich, und es hängt im hohen Maße von der Art und Weise des Regimewechsels ab. War es eine Revolution, oder war es beispielsweise eine Verhandlungssache?

Ricke: Eine ganz besondere Rolle hat ja hier in Deutschland, der Zusammenbruch der DDR. Werden Sie darauf eingehen können?

Veen: Ja. Wir werden natürlich auch das zeitgeschichtliche Forum Leipzig, das sich mit der Diktatur- und Oppositionsgeschichte in der DDR auseinander setzt, auf dem Panel haben. Die präsentieren auch, und man wird eines schon jetzt sagen können - das zeigen alle Vergleiche: Deutschland ist praktisch modellhaft in der Aufarbeitung von Vergangenheit, weil in Deutschland wie nirgendwo sonst die verschiedenen Formen der Aufarbeitung oft praktiziert worden sind. Also die Mittel des Strafrechts wurden benutzt, obwohl das sehr problematisch war, wie wir wissen. Es wurden gesetzliche Vorschriften für Qualifizierung beziehungsweise Disqualifizierung für öffentliche Ämter genutzt. Das Problem der Rehabilitation, der Entschädigung der Opfer ist in Deutschland behandelt worden. Dann die Auseinandersetzung auf parlamentarischer Ebene, die Enquete-Kommission des Bundestages, und natürlich die Mittel der Wissenschaft. Also wir haben in Deutschland, ich möchte fast sagen, eine vorbildhafte Situation der Aufarbeitung, und das ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb so viele, praktisch alle Diktaturmuseen Osteuropas unserer Einladung gefolgt sind, und das ist eine Premiere. Wir haben acht Diktaturmuseen oder Dokumentationszentren aus sieben osteuropäischen Ländern auf dieser Konferenz, und zwar erstmals nach dem Ende des Kommunismus.

Ricke: Sehen Sie die Gefahr, dass in dieser Debatte auch etwas verklärt oder verdrängt wird?

Veen: Ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein. Ich habe diese Museen natürlich alle vorher gründlich persönlich besucht und weiß, dass sie sich alle um das Gegenteil bemühen und dass sie alle auch dabei erfolgreich sind. Die Verklärung scheint mir auch ein sehr spezifisch ostdeutsches Phänomen zu sein, also so etwas wie Ostalgie gibt es fast nirgendwo sonst in Osteuropa. Das ist eine ganz interessante Beobachtung.

Ricke: Gibt es in der Vermittlung dieses Themas auch eine Grenze des musealen Ansatzes oder ist diese Fassung so breit, dass man wirklich sagen kann, wir bringen die Geschichte des Kommunismus und seines Zusammenbruchs tatsächlich auf eine Ebene?

Veen: Also die museale Form ist natürlich immer eine fokussierte, begrenzte Form. Ein Museum kann nie die ganze Differenziertheit der zeitgeschichtlichen Forschung widerspiegeln. Aber sie kann bildhaft auswählen, sie kann gegenständlich machen. Ich glaube, dass die Museen für eine breite Öffentlichkeit, auch für die politische Bildungsarbeit, die optimale Form der Aufarbeitung sind im Unterschied zu den dickleibigen historischen Arbeiten, die oft sehr speziell, sehr spezifisch sind. Museen müssen sich immer bemühen, das Ganze an konkreten Beispielen sichtbar zu machen, und ich glaube, diese Museen werden in ihren Ländern auch nachhaltige Wirkung haben. Sie sind heute schon häufig Gegenstand von streitigen Auseinandersetzungen über Vergangenheit, aber das sollen sie auch sein.

Ricke: Vielen Dank für das Gespräch.

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