KulturPolitik
KulturPolitik
Montag bis Samstag • 12:20
29.10.2004
Entscheiden die ethnischen Gruppen diesmal die Wahl in Amerika?
Gespräch mit Prof. Andy Markovits, Politologe an der Universität of Michigan
Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

John Kerry und George Bush vor dem ersten TV-Duell (Bild: AP)
John Kerry und George Bush vor dem ersten TV-Duell (Bild: AP)
Markovits: Ja, genau das, es ist in einem gewissen Sinne ja nicht mehr treffend. In vielen Staaten sind die weißen Männer, die ja eigentlich Majority heißen, eigentlich schon minoritär. Aber man kann trotzdem noch natürlich über Minorities sprechen, weil es immer noch eine Kategorie ist, und man kann natürlich schon in dem Sinn weiterhin von Minderheiten sprechen, obwohl es mehr und mehr Minderheiten gibt, die dann natürlich eine Mehrheit ausmachen.

Heckmann: Ja wie steht es um ihren Einfluss? Der amerikanische Autor George Remus meint in seinem neuesten Buch, die Hispanics oder auch Latinos, also die spanischsprechenden Amerikaner, würden womöglich den Wahlsieg 2004 in den Händen halten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Markovits: Ich halte davon nichts, weil man kann alles in den Händen halten. Gestern habe ich in der "New York Times" gelesen, auf dem Weg zurück aus Budapest, dass mehr oder minder 4000 oder 5000 jüdische Wähler, wenn man genau das anschaut, in welchen Staaten, die Karten halten. Ja natürlich sind die Hispanics ein wichtiger Faktor. Sie haben zum ersten mal in den letzten paar Jahren die Schwarzen überflügelt als die größte wiederum Minderheit in Teilen zumindest Anführungszeichen. Aber es gibt in denen noch viel zu viele Hispanics. Die mexikanischen Hispanics, The Westcoasts, sind ganz anders wie die Kubaner und die Kubaner sind ganz anders wie die Dominikaner und die Dominikaner sind ganz anders wie die anderen Lateinamerikaner mit anderen Traditionen und so weiter. Also Hispanics per se ist ungefähr als wenn man sagen würde Anglos. Ja, sie haben einige Topoi und Charakteristika, die sie zusammenbindet, aber zu sagen, dass ein so großer Block entscheidet, ist ungefähr, als würden Sie sagen, die Frauen entscheiden. Natürlich, aber ich finde das viel zu krude, viel zu krude.

Heckmann: Es ist ja trotzdem bekannt, dass die ethnischen Minderheiten in ihrer großen Mehrheit jedenfalls den Demokraten nahe stehen. Allerdings haben die Republikaner aufgeholt, das zeigten die letzten Zahlen, woran liegt das und wird sich diese Entwicklung eher fortsetzen oder umkehren?

Markovits: Das kann man nicht sagen. Das ändert sich. Es gibt eigentlich nur zwei Minderheiten, die konsistent demokratisch sind schon über Jahrzehnte und ich rede über Dekaden und nicht von einer Wahl zur anderen, das sind eben seit dem New Deal die Schwarzen über 90 Prozent demokratisch, bei Präsidentschaftswahlen nebenbei, und die Juden, die ungefähr bei 75, 80 Prozent liegen. Aber sonst, auch die Hispanics sind viel niedriger. Und wie gesagt, die Hispanics in Florida und da gibt es auch natürlich ganz neue Entwicklungen, weil die Kubaner werden immer schwächer, weil die anderen immer stärker werden, Puertoricaner und die anderen. Miami ist ja eigentlich, viele nennen es die Hauptstadt Lateinamerikas. Das heißt, die sind natürlich viel weniger republikanisch zum Beispiel wie die kubanischen Hispanics. Also im Großen kann man sagen sicherlich, dass die Hispanics eher demokratisch sind. Und das hat aber wenig mit Hispanics zu tun, sondern mit Klasse. Und das wird immer in Europa über amerikanische Politik vergessen, dass fast wichtiger als die Ethnie, ist die Klasse. Das heißt, Leute, die in einer niederen Klasse sind, Arbeiterklasse, leben viel sozial unsicherer und so fort, wählen disproportional demokratisch, und ob das Polen oder Mexikaner sind, macht keinen Unterschied. Hispanics der gehobeneren Klasse wählen disproportional republikanisch.

Heckmann: Es ist denn so, dass die Demokraten sich auch in der praktischen Politik auch als Anwälte der Immigranten präsentieren?

Markovits: Jein. Zum Beispiel wenn wir uns anschauen, sind zum Beispiel der ganze gewerkschaftliche Flügel der Demokratischen Partei ausgesprochen Antiimmigrant, und das war sie schon immer und dezidiert so. Und es gibt viele Republikaner besonders vom Businessflügel und sogar auch von anderen, die zum Beispiel sogar eine radikal pro Immigrant im Sinne, jeder soll kommen, der will. Also man muss da sehr sehr aufpassen. Und ich glaube, dass bei dieser Wahl, wie die Wahl in Deutschland 1972, ist eine der ganz wenigen Wahlen in allen liberalen Demokratien nebenbei, außer in den ganz kleinen, wo Außenpolitik die Rolle spielen wird und Sicherheitspolitik. Und das ist der wichtige Punkt, glaube ich, und das ist weitaus der entscheidendste Punkt, den Sie am Dienstag sehen werden. Also und in dem Sinn bin ich mir nicht sicher, ob Hispanics so viel anders sind. Ich würde sagen, dass diese Falllinien diesmal nicht unbedingt danach gehen, sondern eben über diese Frage von Außenpolitik, Sicherheitspolitik und auch die Legitimität der Regierung, das ist absolut entscheidend. Diese Wahl ist eine Kontinuität von 2000 und ich glaube eben, wie ich auch in einem Artikel geschrieben haben, es ist die Wut, die existiert und diese Klüfte, die habe ich noch nie erlebt, und ich habe die amerikanische Wahl hier seit 1960 mitgemacht, und das wird meines Erachtens die Wahl entscheiden.



-> KulturPolitik
-> weitere Beiträge