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8.11.2004
"Die Politiker sollten die Vergangenheit ruhen lassen"
Interview mit dem Schriftsteller Mazal Ghanem
Moderation: Christopher Ricke

Jassir Arafat, Palästinenser-Führer (Bild: AP)
Jassir Arafat, Palästinenser-Führer (Bild: AP)
Ricke: Der Todeskampf von Jassir Arafat hat den Blick der Welt wieder einmal auf den Nahost-Konflikt gelenkt, der CDU-Außenpolitiker Wolfgang Schäuble hat erst heute morgen im Programm von DeutschlandRadio Berlin darüber gesprochen, wie dringend eine Versöhnung ist, das auch eine Versöhnung über Gräber den Israelis und den Palästinensern gut zu Gesicht stünde.

Um die Versöhnung bemüht sich seit Jahren auch das deutsch-israelisch-palästinensiche Autorentreffen, das in dieser Woche zum siebten Mal stattfindet. Unter den Teilnehmern in Landau ist der Schriftsteller Mazal Ghanem, ein israelischer Araber, also ein Palästinenser mit israelischem Pass. Von ihm stammt das Standardwerk "Verteidiger oder Belastungszeuge. Literaturübersetzung in politischer Konfliktsituation." Guten Tag Herr Ghanem.

Ghanem: Guten Tag.

Ricke: Wie sehr belasten oder vielleicht auch wie sehr befördern aktuelle Ereignisse wie der Todeskampf von Jassir Arafat ihre Tagung?

Ghanem: Ich glaube, wir müssen etwas machen, um die Situation zu verändern. Ich glaube, die israelische Regierung muss einen Schritt zu den Palästinensern machen und die Palästinenser müssen etwas machen. Beide Seiten haben Angst vor der anderen, Israel hat Angst vor den Palästinensern, die Palästinenser haben Angst vor den Israelis. Diese Situation läuft seit vielen Jahren. Die Politiker müssen etwas machen und sie können etwas machen. Warum machen sie keine Grenze vor der Vergangenheit? Sie müssen die Vergangenheit ruhen lassen, sie müssen eine gute Zukunft sehen.

Ricke: Diskutieren Sie zum Beispiel - ganz aktuell - auch die Grabstättenfrage, die ja genau das, was sie gerade beschrieben haben, in die heutige Diskussion hineinbringt? Wie sehr geht man aufeinander zu? Lässt man zu, dass Jassir Arafat, so er gestorben ist, im Gaza-Streifen, in Ramallah oder gar auf dem Tempelberg beigesetzt wird?

Ghanem: Die Palästinenser möchten, dass Arafat nach Jerusalem kommt. Die Israelis sagen nichts. Wenn man tot ist, ist es keine Frage, wo man liegt. Ich glaube, wenn die Israelis Arafat in Jerusalem lassen, dann ist das ein gutes Gefühl für die Palästinenserseite. Die Palästinenser machen dann vielleicht eine Grenze vor den Konflikt.

Ricke: Merkmal des deutsch-israelisch-palästinensischen Autorentreffens ist ja, dass hier Menschen zusammenkommen, die sich die Hand reichen wollen, die sich nicht feindlich gegenüber stehen. Aber diese Menschen sind in der Minderheit. Wie sehr wird denn diese Minderheit der Friedliebenden in den Palästinensergebieten und in Israel überhaupt gehört?

Ghanem: Auf beiden Seiten gibt es fundamentalistische Leute, auf der palästinensischen und auf der israelischen Seite. Und jeder von den Fundamentalisten sagt: "Ich möchte alles." Die Palästinenser sagen: "Wir möchten alles" und die extremen Juden sagen "Wir möchten alles." Aber das geht nicht überall und hier sprechen die Schriftsteller nicht wie die Extremen in Israel und Palästina.

Wir kommen hierher, um Frieden zu machen, um über Menschlichkeit zu sprechen. Wir müssen die Stereotypen wegwerfen. Wir kommen nicht hierher, um Probleme zu machen, wir kommen hierher, um einen guten Weg für den Frieden zu machen. Wir sind eine kleine Gruppe, aber wenn wir nach Israel und Palästina zurückkehren, sprechen wir mit der Familie, mit den Kindern, wir sprechen in Universitäten, wir schreiben in der Zeitung und glauben, dass wir Einfluss haben.

Ricke: Vielen Dank Mazal Ghanem, der Schriftsteller nimmt am deutsch-israelisch-palästinensischen Autorentreffen in Landau teil.


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