KulturPolitik
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9.11.2004
Ende der Klischees?
Interview mit Jens Bisky, Schriftsteller
Moderation: Christopher Ricke

Jugendliche beim Mauerfall 1989 (Bild: AP)
Jugendliche beim Mauerfall 1989 (Bild: AP)
Ricke: Heute ist der 9. November, das ist ein ganz besonderes Datum in der deutschen Geschichte. Am 9. November 1918 bricht die Monarchie zusammen, am 9. November 1938 brennen in Deutschland die Synagogen und am 9. November 1989 fällt die Mauer. Da schließt sich die Wunde im Herzen Deutschlands, da wird die betonierte Trennung, die hunderte Menschen das Leben gekostet hat, überwunden. Unser heutiges Gespräch führe ich mit dem Kulturwissenschaftler, Journalisten und Autoren Jens Bisky, er arbeitet für die Süddeutsche Zeitung, schrieb das Buch
"Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich" und er ist der Sohn des PDS-Chefs Lothar Bisky. Guten Tag, Herr Bisky.

Bisky: Guten Tag.

Ricke: Der 13. August des Mauerbaus, der war im Jahr 1961, ihr Geburtsjahr fünf Jahre später. In diesem Jahr ist ihr Buch erschienen. Es steht jetzt in der Buchhandlung vielleicht neben den "Zonenkindern" von Jana Hensel, dem ersten T-Shirt von Jakob Hein und den Ostdeutschen als Avantgarde von Wolfgang Engler. Haben Sie sich denn in einem dieser konkurrierenden Bücher wiedergefunden?

Bisky: Ich halte das Buch von Wolfgang Engler für ein sehr interessantes Buch, wenn darin auch ein viel zu heroisches Bild von den Ostdeutschen gezeichnet wird, aber er versucht wenigstens nach irgendwelchen Auswegen aus dieser Krise des Aufbaus zu suchen. Jakob Hein habe ich sehr gerne gelesen, die Zonenkinder halte ich für eine Design-DDR, das ist ein Entwurf eines Landes, dass es nie gegeben hat. Aber Jana Hensel war 14, als die Mauer fiel, was soll sie da erlebt haben?

Ricke: Was ist denn das Besondere an ihrem Buch, warum soll ich das lesen?

Bisky: Das ist der Versuch, in einer persönlichen Erinnerung ein etwas anderes Bild der DDR zu zeichnen und zu zeigen, dass der Glaube, in der DDR habe es so etwas wie ein einheitliches Staatsvolk gegeben, ein Irrglaube ist. Man konnte auf sehr unterschiedliche Weise durch die DDR kommen. Dabei hat man verschiedene Konflikte gehabt, auch die Vorstellung, die mir oft begegnete: "Wir wissen wie das in der DDR gewesen ist". Auf der einen Seite war das böse politische System, auf der anderen Seite das gute Privatleben und die hatten miteinander nichts zu tun. Diese Vorstellung scheint mit auch irrig.

Ricke: DeutschlandRadio Berlin bemüht sich seit mehr als zehn Jahren, den deutschen Prozess differenziert zu begleiten und zu fördern. Wir haben das Problem, dass wir immer an Vorurteile und Holzschnitte kommen. Die einen verdammen alles, die anderen bejubeln undifferenziert. Aber das ist kein ostdeutsches Phänomen, das gibt es im Westen genauso. Fehlt uns vielleicht allen 15 Jahre nach Mauerfall die Distanz?

Bisky: Nein, ich glaube, es ist jetzt eine gute Zeit, ich merke das vor allem auf der Lesereise - ich habe jetzt etwa 20 Lesungen hinter mir - die wenigsten Ostdeutschen wollen noch über die westdeutschen Klischees reden. Es sitzen in den Lesungen immer Ost- und Westdeutsche zusammen und die finden sich in diesen vielen Klischees auch nicht wieder und trotz mancher Versuche zu differenzieren ist ja das Bild von den Ostdeutschen immer noch sehr einschichtig.

Da hat man auf der einen Seite die Bürgerrechtler, die sehr zu Recht eine große Rolle spielen, aber eine Minderheit in der DDR waren und man hat auf der anderen Seite eine Gruppe von wirklichen Wendeverlierern aus unterschiedlichen Gründen. Ein Großteil von denen war einfach zu alt im Jahr 1989 und konnte von dieser Explosion der Möglichkeiten nicht profitieren. Das sind die Leute, die wir jetzt vor allem auf den Montagsdemos gegen Hartz IV gesehen haben und die bestimmen das Bild, wenn in den Medien von den Ostdeutschen die Rede ist.

Dazwischen gibt es Tausende, die ganz normal in diesem Land leben und auch Tausende, die inzwischen im Westen leben und arbeiten. Meine Erfahrung ist, wann immer Ost- und Westdeutsche wirklich was miteinander zu tun haben und was miteinander vorhaben, läuft das nach anfänglichem Fremdeln, was ganz normal ist, relativ gut.

Ricke: Es gibt aber immer Minderheiten, die dazu taugen, dass man eine ganze Generation "be-labelt". Das waren im Westen die '68er, das sind im Osten die '89er. Ist das ein zulässiges Mittel, können wir mit diesen Labels vielleicht doch ein "Wir" schaffen?

Bisky: Ich glaube nicht, dass das Label '89er irgendetwas taugt, um eine Gruppe zu beschreiben. Weil was ist '89 passiert? Diese ganze sauber sortierte Welt, in der wir gelebt haben, die in Ost/West, links/rechts, reaktionär/progressiv irgendwie klar geteilt war, ist zusammengefallen.

Und diese klaren Sortierungen beschreiben nichts mehr und zumindest für Leute in meinem Alter - oder etwas jüngere, etwas ältere - waren die Jahre nach 1989 ein ungeheurer Individualisierungsschub. Das sind alles lauter Ichs und die wollen auch als Ichs wahrgenommen werden. Ich glaube nicht, dass man da Gemeinsamkeiten schafft, indem man ihnen ein Etikett aufklebt.

Ricke: Machen wir einen Sprung nach 2004. Heute klagt man ja im Osten wie im Westen, jammert über Hartz IV oder über die Milliarden, die gen Osten abfließen und die Substanz schädigen und man klagt, jault, heult und wimmert, im Osten wie im Westen, im Norden und auch im Süden. Sind denn vielleicht Neid und Depression das Eigentliche, was Deutschland 2004 eint?

Bisky: Den Eindruck kann man manchmal gewinnen, aber da muss man, glaube ich, auch differenzieren. Es ist sehr gut, dass über die Transferzahlungen inzwischen gesprochen wird und dass man sich fragt, was davon ist sinnvoll. Denn viele Politiker, darunter der zuständige Minister Manfred Stolpe, tun ja immer noch so, als könne man so weiter machen, wie man es in den letzten zehn bis 15 Jahren getan hat. Das kann man nicht, das muss man völlig neu ordnen und justieren den Aufbau Ost. Insofern ist es völlig normal, dass man über die Transferzahlungen redet.

Ansonsten gibt es eine Verzagtheit, weil viele das Gefühl haben, die besten Jahre lägen hinter ihnen und es ginge jetzt nur noch abwärts. Da fehlt mir irgendwie ein gemeinsames Projekt, ein gemeinsames Vorhaben. Die Diskussion darüber wird aber demnächst beginnen, hoffe ich.

Ricke: Vielen Dank Jens Bisky.

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