KulturPolitik
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11.11.2004
Wenn Nazis zu Menschen werden
Volker Schlöndorff zu seinem Film "Der neunte Tag"
Moderation: Christopher Ricke

Volker Schlöndorff spricht in Locarno über seinen neuen Film "Der neunte Tag" (Bild: AP)
Volker Schlöndorff spricht in Locarno über seinen neuen Film "Der neunte Tag" (Bild: AP)
Ricke: Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff hat in dieser Woche seinen neuen Film vorgestellt, er heißt "Der Neunte Tag" und spielt im Konzentrationslager Dachau, erzählt die Geschichte des luxemburgischen Abbé Jean Bernard. Wir haben über diesen Film im Programm schon berichtet, heute kommt der Film, für den Schlöndorff schon ausgezeichnet worden ist, offiziell in die Kinos. Guten Tag.

Schlöndorff: Guten Tag.

Ricke: Es ist das Schicksal des Filmes, dass er zuerst gedacht, aber dann doch als zweiter fertig gemacht wurde, dass Sie jetzt in Beziehung zum "Untergang" von Bernd Eichinger gesetzt werden. Sehen Sie Parallelen, zum Beispiel in der Zeichnung von Charakteren, wenn Nazis zu Menschen werden, es Intellektuelle gibt, statt tumber Toren?

In einer Szene des Films "Der neunte Tag" agieren die Darsteller August Diehl, Bibiana Beglau und Ulrich Matthes (v.l.n.r.) (Bild: AP)
In einer Szene des Films "Der neunte Tag" agieren die Darsteller August Diehl, Bibiana Beglau und Ulrich Matthes (v.l.n.r.) (Bild: AP)
Schlöndorff: Nein, zunächst mal: Die Konkurrenz fürchte ich gar nicht, denn es ist wirklich ein Gegenentwurf, wenn der andere das große, breite, epische Erzählkino ist. Das hier ist ein ganz individuelles Drama, ein Zweikampf zwischen zwei Schauspielern, August Diehl und Ulrich Matthes, wo ein junger, sehr ehrgeiziger SS-Offizier, der selber einmal Priester war, versucht, einem Priester in Dachau den Schneid abzukaufen, sozusagen ihn zu bewegen, ein Stück von seinem Glauben aufzugeben. Und bei der Gelegenheit kann man sozusagen an der einen Geschichte von innen her doch sehr viel über die Zeit erzählen.

Ricke: Die filmische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wurde jahrzehntelang aus ganz bestimmten Perspektiven erzählt. 1997 brach Roberto Begnigni mit "Das Leben ist schön" aus diesen Erzählperspektiven aus, bekam den Oscar und in Deutschland sagten doch viele, kein deutscher Regisseur hätte die Geschichte so erzählen dürfen. Was hat sich denn in der filmischen Aufarbeitung des größten Verrechens des 20. Jahrhunderts in den letzten Jahren verändert?

Schlöndorff: Ich glaube, was verändert, ist einfach der Anstand. Ich selbst bin ja nach dem Krieg aufgewachsen und die große Erschütterung war, die Dokumente zu sehen in Nacht und Nebel, und man sagte sich, das ist nicht darstellbar. Dann kamen "Schindlers Liste", "Der Pianist", die Holocaust-Serie und viele Filme, die doch da rangingen, immer von Ausländern gemacht. Deshalb, als ich jetzt dieses Tagebuch und das Drehbuch danach gelesen habe, sagte ich mir, das ist eine Art, der kann man sich eigentlich nicht entziehen, im Gegenteil, das ist eine tolle Herausforderung, wie kann man das noch mal anders darstellen, dass es einen wieder berührt, denn wenn wir so etwas sehen, müssen wir ja nachempfinden, dass es wehtut. Es ist mehr eine künstlerische als eine politische Herausforderung, es ist eine ästhetische, und da muss ich sagen, scheue ich keinen Vergleich.

Ricke: Die historische Herausforderung hat auch eine politische Dimension, denn spätestens seit "Schindlers Liste" wissen wir ja, dass der Kinofilm Geschichtsunterricht sein kann, vielleicht sogar Defizite der Erziehung ausgleichen kann. Nicht umsonst ist er in vielen Schulen gezeigt worden. Ist das eine Verantwortung, der sich ein Regisseur auch heute stellen muss oder sind Sie davon völlig frei?

Schlöndorff: Nein, das ist einem wohl immer bewusst, jeder Künstler muss doch daran denken: Wie wirken die Bilder, die ich mache, was bewirkt womöglich, was ich da erzähle. Und gerade deshalb finde ich eben in der Darstellung der Nazis, das war mir so wichtig, durch den August Diehl da einen jungen Schauspieler zu haben, der das nicht so macht, dass man den jetzt als so einen Schurken und Bösewicht empfindet, sondern eigentlich könnte das ein junger Banker in der New Economy sein, das ist ein Arivist, einer der intelligent ist, der weiterkommen will, der Charme hat, der gut aussieht. Das sind, glaube ich, die gefährlichen Seiten der Nazis gewesen, und das glaube ich dann schon, dass das wichtig ist, dass Jungs das auch verstehen. Im ganzen Film gibt es kein Hakenkreuz und keine Uniform, sondern es wird wirklich so erzählt, von innen heraus, dass man es als eine Zeit wie die heutige empfinden kann und dass das Menschen wie wir heute sind.

Ricke: Dieses Erzählen von innen heraus ist klug, weil ja das Erleben des einzelnen Menschen individuell ist und nicht kollektiv ist, so wie auch die Taten einzelner Menschen. Aber der historische Rückblick wird kollektiv geführt, ebenso wie die Frage nach Schuld und Verantwortung in der deutschen Geschichte. Versteht man das kollektiv so Unfassbare vielleicht besser, wenn man versucht, sich den Tätern individuell zu nähern?

Schlöndorff: Zunächst mal, sich den Tätern zu nähern ist schon ein erster Schritt. Wir haben uns ja oft in die Opferrolle geflüchtet und lieber mit den Opfern gelitten. Die Täter darzustellen ist schon unsere Aufgabe. Dann haben Sie recht, nicht ein Film oder Buch kann alles leisten, das ist eben die lebendige Auseinandersetzung, das ganz verschiedene Leute, Autoren, Regisseure sich dem immer wieder nähern und nicht nur im Kino sondern auch auf der Bühne und dann entsteht allgemein vielleicht allmählich ein kollektives Bild, das dann richtig ist. Keiner hat die ganze Wahrheit.

Ricke: Ist Ihr Film gefährlich, weil der Mensch zu sehr Mensch ist, auch der Verbrecher, der für die Fratze des Grauens steht?

Schlöndorff: Das glaube ich nicht. Filme sind in dem Sinne nicht gefährlich, dass sie gleich zur Imitation aufrufen und zweitens steht im Mittelpunkt in unserem eben ein wirklicher Held, der sich ganz unheldenhaft gibt, der einfach nur tapfer und anständig und geradeaus ist, die Person von dem Ulrich Matthes. Er hat durchaus exemplarischen Charakter, für mich ist es ein Vorbild, ich habe mich da auch an Menschen orientiert, die für mich Vorbilder waren, und deshalb ist das auch am Ende etwas, was einen hochreißt und einen nicht mit einer Depression entlässt.

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