KulturPolitik
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15.11.2004
Hat der Mensch einen freien Willen?
Interview mit dem Philosophen Peter Bieri von der FU Berlin

Kirsten Lemke: Letzte Woche hat der Philosoph Jürgen Habermas den Kyoto-Preis bekommen. Der gilt neben dem Nobelpreis als einer der bedeutendesten Auszeichnungen für Wissenschaftler. In seiner Dankesrede in Japan hat Habermas sich zu den Herausforderungen der Philosophie durch die Erkenntnisse der Hirnforschung geäußert. Diese Rede ist jetzt bei uns veröffentlicht worden und darüber möchte ich mit dem Philosophieprofessor Peter Bieri von der Freien Universität Berlin sprechen.

Herr Bieri, das Thema klingt ja erst mal ziemlich abgehoben, können Sie uns erklären, worum es bei der Debatte überhaupt geht und was das mit uns zu tun hat?

Peter Bieri: Bei der Debatte geht es darum, dass die Gehirnforschung immer mehr und immer Detaillierteres darüber heraus findet, wie das Gehirn uns steuert. Diese Steuerung geht nach naturgesetzlichen Verläufen vor sich und wenn man an diese naturgesetzlichen Zusammenhänge denkt, dann kann man auf die Idee kommen, dass dann alles, was wir tun und machen mit Notwendigkeit, wie eine Mechanik vor sich geht. Und wenn man den Gedanken hat, ist der nächste naheliegende, das dann unsere Freiheit zum Teufel ist.

Lemke: Das bedeutet also, wenn uns die Hirnforschung den freien Willen abspricht, dass wir überhaupt nicht mehr für unser Tun verantwortlich sind?

Bieri : Das wäre die Konsequenz. Und so denken die Hirnforscher gelegentlich auch. Sie denken einfach, wenn wir nichts mehr sind, als biologische Maschinen, die so ticken, wie sie ticken, genauso, wie die Planeten sich bewegen, wie sie sich bewegen, dann könnten wir nichts anderes tun, als wir tatsächlich tun und dann würde es keinen Sinn mehr machen, uns zur Verantwortung zu ziehen, uns zu grollen, Schuld zuzusprechen und so weiter.

Lemke: Die These lautet also: Wir werden letzten Endes durch Moleküle bestimmt. Wie antwortet denn da die Philosophie?

Bieri: Die Philosophie antwortet erst mal mit dem Gedanken, dass wir über Menschen in ganz unterschiedlicher Art und Weise denken können. Einmal können wir die Menschen als Stück Natur betrachten und dann sind wir nicht mehr als Bio-Maschinen, so wie die Neurobiologen uns beschreiben. Das ist eine Beschreibungsweise, aber es ist nicht die einzige. Eine andere Beschreibungsweise ist die, nach der wir handelnde Personen sind, die Entscheidungen treffen, aus Gründen Entscheidungen treffen. Darin sind wir dann Wesen, die der Verantwortung fähig sind. Diese beiden Beschreibungssysteme können erstens nicht aufeinander reduziert werden und keines ist zu Gunsten des anderen zu bevorzugen.

Lemke: Und letzteres, sind das auch die Thesen, die Herr Habermas in seiner Rede in Japan vertreten hat?

Bieri: Das sind im Prinzip die Thesen, die Herr Habermas vertreten hat. Er hat im ersten Teil seiner Rede darauf aufmerksam gemacht, dass es diese zwei Beschreibungsweisen gibt, man sagt manchmal auch zwei Perspektiven auf den Menschen und dass es eine Art Irrtum, Missverständnis, eine Art Metaphysik ist, wenn man die mechanistische, biologistische Perspektive absolut setzt. Das ist das erste, was er tut. Und das zweite, was er tut in der Rede, ist, er fragt sich, wie es denn möglich ist, dass wir uns als Stück Natur, also als biologische Systeme - auch die zweite Beschreibungsweise unsere selber, nämlich als handelnde Person, die verantwortungsfähig sind, dass wir ein solches Beschreibungssystem haben -entwickeln können. Das sind die beiden Teile der Rede.

Lemke: Dieses sowohl-als auch der Betrachtungsweisen, das klingt aber auch ein bisschen, als wolle er sich nicht ganz festlegen. Rechnen Sie damit, dass es jetzt eine lebhafte Debatte über diese Thesen gibt?

Bieri: Die Geschichte über die beiden Perspektiven auf den Menschen, das ist nicht eine Auskunft, mit der er sich nicht festlegen will, sondern einfach sagen will, dass es diese beiden Perspektiven gibt, ist etwas, was man nicht übersehen darf. Und man kann sie nicht aufeinander reduzieren und das ist überhaupt keine neue These. Es steht in der ganzen Rede letztlich kein Gedanke drin, der in der Diskussion nicht schon vorhanden gewesen ist, nur ist das Ganze in einen größeren übersichtlicheren Zusammenhang gestellt. Ob das eine erneute Debatte auslösen wird, das weiß ich nicht. Das mag vielleicht mit dem Namen von Herrn Habermas zu tun haben, aber das ist schwer zu sagen.
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