KulturPolitik
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17.11.2004
Freiheit der Kunst - Was ist erlaubt?
Gespräch mit Dietrich Leder, Medienjournalist, Kunstprofessor Kunsthochschule Köln
Moderation: Kirsten Lemke

Lemke: In Dresden geriet die Premiere von Gerhart Hauptmanns Stück "Die Weber" am 30. Oktober zum Skandal. Ein Chor von Arbeitslosen beschimpfte darin unter anderen den sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt und Bundeskanzler Schröder. Regisseur Volker Lösch verteidigte am Dienstagabend im DeutschlandRadio Berlin seine Inszenierung und sagte, "wen ich sehr schnell erschießen würde, wäre Frau Christiansen, einfach weil sie mir jeden Sonntagabend, wenn ich aus Versehen den Fernseher anmache, wirklich versauen kann, weil sie eigentlich so oft die Chance gehabt hätte, eben diese Leute auch wirklich schlagen zu können, die doch wesentlich daran beteiligt sind. Diese ganzen, alten blöden Männer, die die Aufgabe haben, Politik zu machen, die aber nur noch Theater machen. (…) Ich finde es nachvollziehbar für Menschen, die mit dem Rücken an der Wand stehen, die zehn Jahre arbeitslos sind, die nicht mehr wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Ich finde es nachvollziehbar, wenn diese Menschen ungerecht und polemisch sind. (…) In Ostdeutschland haben wir eine Situation, die explosiv ist."
Sabine Christiansen will nun die Wiederholung dieser Szene per einstweiliger Verfügung verhindern. Sie sieht nämlich darin einen Aufruf zum Mord.
Am Telefon begrüße ich Dietrich Leder. Er ist Medienjournalist und Kunstprofessor an der Kunsthochschule Köln. Herr Leder, teilen Sie die Meinung von Frau Christiansen?

Leder: Nachdem ich den Satz jetzt noch mal gehört habe mit diesen konjunktivischen Formulierungen (…) kann ich ihn nicht ganz teilen. Aber ich sage mal ganz vorsichtig dazu, angenommen es hätte jemanden gegeben, der in Holland über die doch sehr polemischen und im Grenzfall zu Beleidigungen tendierenden Artikel von Theo van Gogh gesagt hätte, ich phantasiere mal, dass ich dem ein paar verpasse, dann würde derjenige, der das formuliert hätte, heute vermutlich über diesen Satz anders nachdenken. Deshalb finde ich es grundsätzlich richtig, dass man über Gewaltphantasien, die notwendig sind auch zur Erzählung, zum Ausagieren von Emotionen - bedenken Sie, wie viele Leichen wir allabendlich im deutschen Fernsehen sehen in Krimis und andern Sorten - das gehört da mit zu. Trotzdem sollte man in dem Moment, wo es um reale Figuren geht, immer noch einen Moment nachdenken. Ist es richtig, es so zu formulieren, stimmt das, dass sich so die Wut, die dann gleich mobilisiert wird, von allen Arbeitslosen im Osten artikuliert. Das ist etwas, was Kontextstudium angeht, Analyse der Texte, um die es da geht, und auch natürliche Bewertung der Texte, in denen solche Formulierungen vorkommen.

Lemke:: Es ist ja auch nicht das erste Mal. Ich denke da an Hochhuth und die Treuhand oder an Schlingensief und "Tötet Kohl". Sind da tatsächlich Grenzen, die man klar definieren kann oder sind die fließend?

Leder: Die sind fließend und denken Sie auch immer daran, dass - hier bei den beiden Beispielen kann man es ganz gut sehen, man kann es aber auch diskutieren an dem Roman "Checkpoint" von Nicholson Baker, einem der besten und wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren, der in diesem Roman auf drei oder vier Seiten eine Figur vorstellt, die klipp und klar sagt: "Ich will diesen Präsidenten George W. Bush töten." All diesen Texten ist ja die Absicht der Provokation eingeschrieben. Das heißt, die Autoren wollen auch provozieren, deshalb dürfen die sich da nicht beschweren, wenn es dort Antworten oder meinetwegen auch Klagen gibt. Das finde ich geradezu unbillig, wenn man jetzt sagen würde, dass die Provozierten sich von der Provokation haben provozieren lassen, das ist ja genau der Effekt, um den es geht. Die entscheidende Frage ist dann jeweils im Studium des Textes, der Inszenierung oder auch des Aktionismus über Schlingensief, ist es da angemessen, ja oder nein? Da sind ja sowohl die Kritiker wie auch Begrenzte, die Gerichte zu unterschiedlichen Urteilen gekommen.

Lemke:: Kann man denn sagen, da ja nun schon so ziemlich alle Tabus zum Beispiel auf dem Theater gebrochen worden sind, dass eigentlich die Provokateure immer weiter gehen müssen, immer mehr Grenzen verletzen müssen, um überhaupt noch provozieren zu können?

Leder: Auf der einen Seite ist das dann auch lächerlich, wenn man denkt, dass da jemand immer noch solche Gegenwartsbezüge da rein friemeln will und auch rein friemeln muss und da muss man sich die Frage stellen, ist denn dieser Satz, wie er gerade zitiert wurde, ist er denn wirklich bedeutsam im Zusammenhang dieses Textes, der inszeniert wird oder im Zusammenhang der Situation, auf die er spekuliert. Ich will aber noch einen Punkt dazu sagen, ist es nicht so, dass Sabine Christiansen sich selber auch zur Kunstfigur gemacht hat? Sie nennt ja ihre Sendung nach sich selber und dieser Satz bezieht sich ja im ersten Sinne gar nicht auf die Person Sabine Christiansen, sondern auf die Figur Christiansen die jeden Sonntagabend da sitzt und sich so verhält, wie sie hier auch charakterisiert wird.

Lemke:: Heißt als Betroffener einer solchen Provokation, wie geht man damit um? Ignorieren oder darüber diskutieren oder eben verbieten lassen?

Leder: Ich finde, dass man sich darüber aufregen kann, aber man kann dann auch sagen: "Ok, vergiss es." Es würde kein Hahn danach krähen, wenn ich wiederum vor Christiansen groß Rechtsanwälte in Stellung bringe. Keiner würde glaube ich dieser Inszenierung dann im Feuilleton ein Ruhmesblatt zuwenden.

Lemke:: Vielen Dank, das war der Kunstprofessor Dietrich Leder über die Grenzen der Freiheit der Kunst.


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