KulturPolitik
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18.11.2004
Jugendkulturbarometer 2004
Interview mit Prof. Andreas Wiesand, Direktor des Zentrums für Kulturforschung
Moderation: Kirsten Lemke

Jugendkultur - eine eigene Sprache gehört auch dazu (Bild: AP)
Jugendkultur - eine eigene Sprache gehört auch dazu (Bild: AP)
Lemke: Popmusik und Videoclips das ist gemeinhin die Vorstellung von kulturellen Interessen junger Leute. Nun dann gibt es vielleicht noch diejenigen, die vom Elternhaus aus mit Klavierunterricht oder Theaterbesuchen traktiert werden. Alles Vorurteile, oder nicht? Das Bundesbildungsministerium wollte es etwas genauer wissen und hat eine Studie in Auftrag gegeben, die die kulturellen Interessen junger Leute zwischen 14 und 25 untersuchen sollte. Heute hat das Zentrum für Kulturforschung das Jugendkulturbarometer 2004 vorgestellt und dessen Direktor Andreas Wiesand ist jetzt am Telefon. Herr Wiesand, Raps statt Mozart, Videoclips statt alter Meister, trifft dieses Vorurteil den Kern ihrer Ergebnisse?

Wiesand: Nicht so ganz furchtbar gut. Nein, wir haben eigentlich eine ganz differenzierte Vorstellung. Wobei man schon sagen kann, dass der Kulturbegriff der Jugendlichen ein eher konservativer ist, also alles Mozart, das Museum und so weiter werden Sie da an ganz prominenter Stelle finden. Das heißt aber nicht, dass sie sich natürlich nicht für andere Arten der Popkultur und so weiter interessieren würden. Nur das zählen viele gar nicht zum kulturellen Bereich. Das ist eigentlich schon eine der, ich will nicht sagen gefährlichen, aber bedenklichen Ergebnisse, denn das läuft ein bisschen unter ferner liefen, steht dann nicht mehr so im zentralen Interesse, Kultur ist sozusagen ein bisschen abgehakt, und das kann ihr eigentlich nicht gut tun?

Lemke: Also, abgehakt heißt, dass Jugendliche klassische Musik, lesen, Theater, Ausstellungen et cetera zwar zur Kultur zählen, aber sich nicht unbedingt dafür interessieren?

Wiesand: Ja jedenfalls nicht für alle diese Dinge. Speziell der Musikbereich leidet. Während die Bildende Kunst, Ausstellungen, gut gemachte Museumspräsentationen und so weiter deutlich zugelegt haben. Also das entwickelt sich da ein bisschen ungleichzeitig.

Lemke: Ausstellung ist ja nicht gleich Ausstellung, wohin geht denn das Interesse da?

Wiesand: Das geht schon natürlich auf den Live-Event, auf die Vernissage, auf die spannende Präsentation, auf interessante Leute kennen lernen und so weiter. Das Unterhaltende in der Kultur spielt generell wieder eine sehr große Rolle, das heißt aber nicht, dass Kultur an sich uninteressant ist, sie muss eben nur ein bisschen anders präsentiert werden je nach den Vorstellungen vieler Jugendlicher. Wobei man sagen muss, sie fallen ein bisschen auseinander in zwei Gruppen, eine sehr kleine Gruppe, vielleicht ein Zehntel oder so, die sich ganz und gar den traditionellen Kulturformen verschrieben haben und die auch eifrig nutzen und den großen Rest, der das dann eben nur macht, wenn es halt spannend wird oder interessant oder unterhaltend oder einen die Leute mitschleppen.

Lemke: Kann man denn diese kleine Gruppe, die sich für Hochkultur interessiert, auch dem entsprechenden Elternhaus zuordnen oder wo kommt die Prägung her?

Wiesand: Da sprechen Sie was an. Das ist nämlich ein weiteres Hauptergebnis. Es wird ja oft immer, wenn es um Kultur und Jugendliche oder Schüler zum Beispiel geht, wird dann oft nach der Schule gerufen, die soll nun mehr machen und es sollen nicht so viele Stunden ausfallen. Das ist ja auch alles gut und schön. Nur die Schule allein bringt es nicht, das haben wir hier mal besonders ausführlich untersucht. Es müssen sozusagen Nutzerketten entstehen, es muss das Elternhaus sehr stark dran arbeiten. Es müssen die Bezugspersonen, die Gruppierungen in denen Jugendliche sich aufhalten oder die Freunde, mit denen sie zu tun haben, müssen mit involviert sein, dann erst erhöht sich die Zahl der Kulturnutzer drastisch, wenn das so funktioniert, wenn so eine Kette, so ein Netzwerk sich entwickelt. Das ist eins der zentralen Ergebnisse, man kann es also nicht alles an die Schule delegieren.

Lemke: Herr Wiesand, das ist ja nicht die erste Untersuchung dieser Art, haben Sie da Veränderungen ausmachen können und in welche Richtung gehen die Trends?

Wiesand: Ja der eine Trend hatten wir gesagt, dass die Bildende Kunst, dass Design, dass Architektur...

Lemke: Das ist also wirklich eine Entwicklung, die Sie gefunden haben?

Wiesand: ..., dass da ein deutlicher Zuwachs ist, das hat sich wirklich jetzt ganz schön hochgeschaukelt. Die Bildungsansprüche an Kultur sind durchaus größer geworden, das ist auch interessant. Also man verbindet schon auch Bildungsaspekte stärker mit Kultur, dass das der dann immer nicht so gut bekommt, dass sie dadurch nicht so ganz attraktiv erscheint, ist natürlich die andere Seite, die Kehrseite der Medaille. Das muss man sehen und Bildung unterhaltend und spannend darzubieten, das wäre etwas. Was die Jugendlichen zum Beispiel anregen, ist auch, dass man auch in den Jugendmedien, den Medien, die die nutzen, ein bisschen mehr macht. Wenn sie also mal so eine Girl-Zeitschrift oder auch die entsprechende Boys-Netzwerke sich angucken auf dem Internet beispielsweise, dann ist das natürlich ein Bereich, der eigentlich fehlt. Es sei denn, Sie rechnen die ganze Pop-Kultur, wir tun das selbstverständlich, die Jugendlichen aber nicht, zu diesem Bereich, das ist das Problem. Also da müssten Inhalte hinein, die das Ganze auch wieder spannender machen.

Lemke: Vielen Dank, das war Professor Andreas Wiesand, der Direktor des Zentrums für Kulturforschung über das Jugendkulturbarometer 2004.








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