KulturPolitik
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22.11.2004
Münchener Hochhausstreit: Ude soll Abstimmungsniederlage als Denkpause nutzen
Interview mit dem Architekten Stephan Braunfels
Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

München mit der Frauenkirche im Vordergrund. Nach einem Bürgerentscheid dürfen in München zukünftig keine Hochhäuser gebaut werden, die höher als 100 Meter sind. (Bild: AP)
München mit der Frauenkirche im Vordergrund. Nach einem Bürgerentscheid dürfen in München zukünftig keine Hochhäuser gebaut werden, die höher als 100 Meter sind. (Bild: AP)
Braunfels: Ich habe das Ergebnis erwartet. Ich muss auch sagen, ich habe es befürchtet, weil die Argumente der Hochhausgegner waren zu gut. Die Stadt München hat in den letzten Jahren mit ihrem Mandat, Hochhäuser zu bauen, Schindluder getrieben und hat zu hohe, zu hässliche Hochhäuser an die falschen Stellen gesetzt. An Stellen, die zum Teil in der Hochhausstudie, die die Standorte für die Hochhäuser vorschlug, überhaupt gar nicht drin standen.

Das haben die Münchner jetzt abgewatscht. Es ist eine schwere Ohrfeige, wie ich finde, für die Stadtplanung, für das Stadtplanungsreferat, und ich meine: zurecht. Es ist allerdings auch ein herber Rückschlag natürlich für die wirtschaftliche Entwicklung Münchens, ich hoffe nicht, zu sehr, das muss ich sagen. Ich denke, die wirtschaftliche Entwicklung von München wird nicht alleine von der Möglichkeit, Hochhäuser über hundert Meter zu bauen, abhängen. Wenn das so wäre, wäre es ja völlig grotesk.

Es werden in München immer noch über 90, wenn nicht gar 95 Prozent des gesamten gewerblichen Bauvolumens nicht mit Hochhäusern gebaut oder mit Häusern unter 100 Meter sowieso. Die paar wenigen Hochhäuser, die über 100 Meter sind, die werden jetzt nicht die wirtschaftliche Prosperität, die ja ganz unvergleichlich ist von München, werden die nicht zerstören. Diese Befürchtung habe ich überhaupt nicht.

Heckmann: Spricht das Ergebnis in München aus Ihrer Sicht auch für eine gewisse Provinzialität oder ist es vielleicht nicht ein bisschen zu schlicht, zu sagen, Hochhäuser seien ein Symbol für die Moderne und deshalb unverzichtbar?

Braunfels: Nein, das halte ich für eine ganz polemische Attacke zu sagen, dass wäre provinziell, wenn man gegen Hochhäuser von über 100 Meter ist. Man muss das von Stadt zu Stadt spezifisch sehen. Das würde ja heißen, dass die provinziell sind, die gegen Hochhäuser in Florenz sind. Oder dass die provinziell sind, die sozusagen die Hochhausumstellung der St. Pauls Cathedral in London jetzt kritisieren. Ich habe London noch erlebt, als die St. Pauls Cathedral völlig freistehend die Stadt, das Stadtbild beherrschte. Heute stehen drum herum lauter völlig unnötige und hässliche Hochhäuser.

Es ist halt ein Unterschied, ob man in Frankfurt oder New York ist oder ob man in Städten wie München oder Köln ist. Ich sehe auch in Köln eine ganz problematische Entwicklung, dass die einzigartige Stellung des Domes durch völlig unnötige Hochhäuser am anderen Rheinufer jetzt im Begriff ist, zerstört zu werden. Ich denke, es ist eigentlich eine Entscheidung, die nachdenklich machen muss und die zu einem besseren Umgang mit Hochhäusern führen muss.

Ich bin absolut für Hochhäuser, auch in München, aber an den richtigen Standorten, in der richtigen Form und in der richtigen Höhe. Dazu gibt diese Entscheidung jetzt Hilfe, denn es heißt ja nicht, dass zukünftig keine Hochhäuser mehr gebaut werden dürfen. Der Entscheid, über 100 Meter keine zu bauen, gilt ja offiziell auch nur ein Jahr lang. Ich denke, es ist eine wichtige Nachdenkpause, die damit jetzt eingeleitet wird.

Heckmann: Was sind denn die richtigen Orte, um Hochhäuser zu errichten?

Braunfels: Es gibt ja eine Hochhausstudie, nach der angeblich immer verfahren wird. Aber wenn man jetzt, und das ist ja das Entscheidende gewesen, wenn man das Hochhaus von Helmut Jahn in der Achse der Ludwigstraße sieht, wie diese wunderbare Blickachse in die Weite und in die Leere des Münchner Nordens jetzt ganz merkwürdig und saudumm verstellt wird. Ich denke, ohne dieses Hochhaus hätte Ude diese Entscheidung gewonnen und nicht verloren. Wenn man also so einen Standort nimmt, der nicht in der Hochhausstudie vorgesehen war, dann muss man sich nicht wundern.

Was kann man daraus lernen? Hochhäuser sind durchaus möglich in München, aber nicht in entscheidenden historischen Blickachsen, sondern außerhalb dieser Blickachsen, da können Hochhäuser sogar für heruntergekommene Quartiere ganz wunderbare neue Mittelpunkte darstellen, Zentren und Aufwertungen darstellen. Man braucht eigentlich nur nach der alten Hochhausstudie vorgehen von Professor Stracke, die war ganz hervorragend und da sind die richtigen Hochhausstandorte auch eingezeichnet .

Heckmann: Hochhäuser sind nur dann stadtverträglich, wenn die Politik dafür sorgt, dass die funktionierenden Stadtquartiere drum herum nicht beeinträchtigt werden. Das Problem ist also nicht die Höhe sondern die Qualität und die Einbindung in das Stadtgefüge. Wie kann die geschehen?

Braunfels: Es ist natürlich von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Ich denke, es hat den Typus des typischen Münchner Hochhauses durchaus und brillant gegeben. Weltberühmt ist das BMW-Hochhaus, ich halte es heute noch für eines der schönsten Hochhäuser der Welt und sage immer wieder, und dann freut sich Herr Ude und klatscht sich auf die Schenkel, dass der einzige Fehler, den dieses Hochhaus hat, ist, dass es nicht hoch genug ist. Wir sehen also: mein Standpunkt ist sehr differenziert.

Aber dieses BMW-Hochhaus steht eben in keiner der historischen Blickachsen, Ludwigstraße oder Maximilianstraße, sondern in einem Quartier, was bis dahin völlig heterogen und chaotisch war, und bildet dort einen wunderbaren Mittelpunkt für einen ganzen Stadtteil.

Dazu kommt, dass dieses Hochhaus von hervorragender Architektur im Detail ist, von dem leider früh verstorbenen österreichischen Architekten, Schwanzer, wohingegen die Hochhäuser von Helmut Jahn, übrigens nicht nur in München, sondern auch in vielen anderen Städten einfach furchtbar, grob, grobschlächtig und stadtbildunverträglich sind und auch manche anderen Hochhäuser inzwischen. Ich denke, es kommt schon sehr auch auf die Qualität des Architekten und die Architektur an und dann kann ein Hochhaus eine wunderbare Bereicherung für die Stadt sein.
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