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23.11.2004
Nationaler Ethikrat weist auf Gefahren der aktiven Sterbehilfe hin
Interview mit Spiros Simitis, Vorsitzender des nationalen Ethikrates
Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Das EEG entscheidet über Leben oder Tod. (Bild: cheshire-med.com)
Das EEG entscheidet über Leben oder Tod. (Bild: cheshire-med.com)
Heckmann: Die Themen, mit denen sich der nationale Ethikrat zu beschäftigen hat sind naturgemäß heikel und schwierig zu verstehen, aber es sind Fragen, die die Zukunft der menschlichen Existenz direkt betreffen und desto drängender werden, je mehr die Wissenschaft Möglichkeiten entwickelt, in der Zone zwischen Leben und Tod eines Menschen einzugreifen.

Für diese Woche hat man sich gleich zwei schwierige Themen vorgenommen. In einer öffentlichen Tagung morgen in Münster soll es um das Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende gehen und am Tag darauf um die sogenannte prädiktive Gesundheitsinformation, das ist der Blick in die Gene, der Aufschluss darüber geben soll, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Krankheit eines Tages ausbrechen wird. Über beide Themen sprechen wir mit Spiros Simitis, er ist Vorsitzender des nationalen Ethikrats.

Herr Simitis, kommen wir zunächst zur Selbstbestimmung am Lebensende. Wie weit darf die gehen? Darf der Tod aus ihrer Sicht Gegenstand dieser Selbstbestimmung sein?

Simitis: Der Ethikrat ist noch zu keinem Ergebnis gekommen, er ist - wenn Sie so wollen - mitten in seinen Beratungen. Aus genau diesem Grund veranstaltet er jetzt eine dritte öffentliche Veranstaltung, die zweite außerhalb Berlins, um noch besser Einblick zu bekommen in die Reaktionen der Gesellschaft. Es geht im Ethikrat um mehr, es geht um die Sterbebegleitung.

Sie haben Recht, die Selbstbestimmung am Ende ist die zentrale Frage, die die meisten Menschen beschäftigt, man muss aber auch bedenken, dass wir es mit Situationen zu tun haben, in denen es um die Sterbebegleitung auch deshalb geht, weil keine solche Selbstbestimmung vorliegt, weil die Bedingungen so sind, dass man auf den einzelnen eingehen muss, ihn betreuen muss.

Bei der Selbstbestimmung ist es so, wie weit sie geht. Ich glaube es gibt mehr und mehr Konsens darüber, dass wir die Autonomie haben sollen zu bestimmen, wann der Tod eintreten soll, gerade dann, wenn man sich in einer unheilbaren Situation befindet.

Es steht aber auch fest, dass man meistens diese Patientenverfügung, wie man sie nennt, zu einem Zeitpunkt verfasst, wo man noch weit vom Tod weg ist und die Frage taucht dann deshalb immer wieder in den Diskussionen auf: Kann das, was man einmal gesagt hat, zum Beispiel 20 Jahre später noch gelten?

Heckmann: Es gibt eine Reihe von Medizinern, die davor warnen, dass das geplante Gesetz zur Patientenverfügung, die stammt ja aus dem Haus von Bundesjustizministerin Zypries, dass dieses Gesetz den Einstieg in die aktive Sterbehilfe bedeuten könnte. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Simitis: Ich kann das bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehen. Und zwar deshalb, weil wenn man gleichsam die Möglichkeit aus dem Leben zu scheiden verbessert und unterstreicht im selben Augenblick in einer Zeit, in der wir ständig an Kosten denken, in der es ständig darum geht, die Arbeit in den Krankenhäusern zu rationalisieren und die Gesundheitsausgaben zu minimieren, Menschen sterben lässt und ihnen auch dann nicht hilft, wenn man ihnen vielleicht hätte helfen können.

Heckmann: Besteht denn aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass mehr und mehr alte Menschen sich unter Druck gesetzt fühlen zu sagen, wir lassen lebenserhaltende Maßnahmen, um der Gesellschaft nicht weiter auf der Tasche zu liegen? Diese Einstellung könnte ja Platz greifen.

Simitis: In der Tat. Es ist eine seltsame Formulierung, aber sie unterstreicht genau das was Sie gesagt haben, vom Sterben aus Rücksicht oder vom Sterben aus Höflichkeit. Je älter die Menschen unserer Gesellschaft werden, je mehr sich dieses Alter bemerkbar macht, desto mehr haben sie das Gefühl, anderen zur Last zu fallen und sind unter Umständen bereit, aus dem Leben zu scheiden.

Heckmann: Kommen wir zum zweiten Thema, der sogenannten prädiktiven Diagnostik, also den genetischen Tests zur Krankheitsvorhersage. Jeder Mensch solle selbst entscheiden, was er über seine genetische Ausstattung erfahren möchte, sagen die Befürworter solcher Tests. Welche Gefahren sehen Sie da?

Simitis: Es ist so, dass wir heute sehr viel mehr zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt über jemanden erfahren können. Nehmen Sie einmal an, dass jemand eine bestimmte genetische Disposition hat, eine Krankheit wie ??, und zu einem sehr frühen Zeitpunkt, etwa beim Eintritt ins Berufleben, wird eine solche Untersuchung gemacht, dann, das hat der Fall von Lehrern zum Beispiel gezeigt, riskiert man gar nicht mehr eingestellt zu werden, weil das Risiko für den Staat, dass später jemand unfähig ist zu arbeiten, viel zu groß ist.

Wohlgemerkt, es wird nicht unbedingt eintreten, es kann eintreten und es kann Jahrzehnte später eintreten. Das heißt wir schaffen eine neue Form der Diskriminierung und zwar in einer Gesellschaft, in der wir immer besser Krankheiten und genetische Defekte erkennen können und erhöhen so den Druck auf ganze Gruppen der Bevölkerung.

Heckmann: Sehen Sie denn für die Zukunft eine Zweiteilung der Patienten in solche mit positiver und solche mit negativer Genstruktur oder solchen, die sich weigern, solche Testes vornehmen zu lassen?

Simitis: Das ist genau das, was ich mit Diskriminierung gemeint habe. Wir sind in einer Periode, in der wir effektiv immer mehr über den Einzelnen erfahren können, neurologisch oder genetisch, wenn Sie so wollen, oder beides miteinander kombiniert. Die Gefahr ist groß, dass wir dieses Wissen nutzen, um Steuern zu manipulieren, in die Entwicklung des Einzelnen einzugreifen und auch das darf nicht sein. Sie brauchen sich nur vorzustellen, wenn man Sie zu solchen Untersuchungen bringt, sei es auch nur im Rahmen der Arbeitsmedizin und Sie erfahren es, dann leben sie ein Leben lang unter ganz anderen Bedingungen.
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