KulturPolitik
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26.11.2004
Altbundespräsident: Europas Zukunft entscheidet sich an der politischen Kraft seiner Kultur
Interview mit Richard von Weizsäcker, Altbundespräsident

Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker (Bild: AP Archiv)
Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker (Bild: AP Archiv)
DeutschlandRadio Berlin: In Berlin treffen sich heute und morgen Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Vertreter aus der Wirtschaft zu einer Konferenz, die unter einem neugierig machenden Motto steht - "Europa eine Seele geben". Über die Kultur im Prozess der europäischen Einigung wollen Entscheidungsträger wie der Präsident der EU-Kommission Barroso, Bundeskanzler Schröder und der frühere Bundespräsident von Weizsäcker debattieren. Richard von Weizsäcker ist auch Mitglied des Kuratoriums dieser interessanten Konferenz und jetzt am Telefon. Herr von Weizsäcker, Jacques Delors, der frühere Präsident der EU-Kommission wählte dramatische Worte, wenn wir es innerhalb von 10 Jahren nicht schaffen Europa eine Seele zu geben, dann ist das Spiel aus. Diese Äußerung stammt aus dem Jahr 1992. Hat es Ihrer Meinung nach seit damals Fortschritte gegeben? Oder wird die Seele Europas weiter vernachlässigt?

Richard von Weizsäcker: Das Jahr 92 wird deswegen mit Recht genannt, weil es das letzte Mal war, dass wir einen wirklich bedeutenden, nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Fortschritt gemacht haben, nämlich durch die Begründung der gemeinsamen Währung. Aber das, worum es meiner Meinung nach Jacques Delors, diesem großen, ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission wie auch uns in der Konferenz geht, ist das Folgende: Auf der einen Seite wird darüber gestritten, ob wir eine große Freihandelszone werden sollen. Das ist für die einen zu wenig, für die anderen ist das schon das äußerste Ziel. Andererseits wird darüber gestritten, ob wir es schaffen, eine politische Union zu werden. Beide Fragen sind von zentraler Bedeutung, aber letzten Endes entscheidet sich dieses Europa an der Kraft seiner Kultur, an der politischen Kraft seiner Kultur. Da geht es dann weniger darum, ob wir die größten Künstler und Denker auf der Welt sind, sondern, ob wir es wirklich schaffen, in einer humanen Form zusammenleben zu lernen. Darum geht es nämlich in der Kultur, das zusammenleben lernen. Es geht, mit anderen Worten, um das Ganze und nicht bloß um das, was wir so normalerweise die laufende Kulturpolitik nennen.

DeutschlandRadio Berlin: Welche gemeinsamen kulturellen Visionen verbinden wir denn heute mit Europa?

von Weizsäcker: Ja ich will ja gerade sagen, es geht hier nicht primär darum, ob wir alle demselben Glauben, derselben Religion oder derselben zivilisatorischen Überlieferung anhängen, sondern ob wir gerade angesichts der Tatsache, dass wir aus lauter verschiedenen Quellen kommen, wenn auch die Ureinwohner von Europa aus einer Reihe von gemeinsamen Quellen, wie wir im Lichte der Tatsache, dass wir in Europa ein Einwanderungskontinent geworden sind, wie wir es da schaffen, human zusammenzuleben. Das, wie gesagt, nenne ich Kultur. Wir schulden es uns selbst in unserem Land, wir schulden es den Beziehungen der Mitgliedsländer untereinander, aber nicht zuletzt schulden wir es natürlich auch einer sich globalisierenden Welt nämlich den Beweis dafür, dass es eben nicht notwendigerweise bei einem Zusammenstoß der Zivilisationen landen muss, sondern, dass wir den Dialog dazu lernen und suchen. Wer, wenn nicht wir Europäer, sind daran primär interessiert? Nicht die Amerikaner sind von 1,5 Milliarden Muslimen umgeben, wohl aber wir Europäer. Bei uns leben in Europa viele Millionen Muslime. In Deutschland sind es fast 3,5 Millionen. Mit ihnen vernünftig zusammenleben zu lernen, das ist unser kultureller Hauptauftrag, denn natürlich machen wir auch die Erfahrung von Unterschieden im täglichen Leben.

DeutschlandRadio Berlin: Also europäische Kultur - so etwas wie ein gesamteuropäisches Bewusstsein, also auch ein Zustand, der noch anzustreben ist?

von Weizsäcker: Richtig, ich meine, es ist ein großes Ziel, was wir da formulieren und noch keine Garantie dafür, dass wir das auch erreichen, aber ein solches Ziel vor Augen zu haben ist es, was uns beleben und steuern wird. Darum geht es bei dieser Konferenz. Die Konferenz ist ja nicht von einer Regierung initiiert oder von irgendwelchen Verbänden, sondern sie stammt eigentlich von Bürgern. Sie soll einen Prozess einleiten. Sie soll dafür sorgen, dass diese Vorstellungen von der politischen Kraft der Kultur sich sozusagen nicht im medialen Feuilleton verbirgt, sondern auf die ersten Seiten gehört. Die Tagesordnungen des Europäischen Parlamentes der Kommission, ja auch Europäischen Rates sollen sich mit diesen Aufgaben, zu lernen, wie man zusammenleben kann, zentral beschäftigen.

DeutschlandRadio Berlin: Inwieweit gelingt es denn den europäischen Politikern heute, die europäische Integration eben nicht nur als ein wirtschaftliches, als ein finanztechnisches oder eben regionalpolitisches, sondern eben auch als ein kulturpolitisches Projekt zu sehen.

von Weizsäcker: Das kann ich Ihnen nicht vorher sagen, aber weil wir etwas ungeduldig darin sind, dass es zu wenig als ein Auftrag erkannt wird, deswegen sprechen wir von diesem Ziel, wie weit es uns gelingen wird, wird sich zeigen, aber in der globalen Welt kommt es halt doch darauf an, dass in dieser Richtung Zeichen gesetzt werden. Wir Europäer haben es darin in mancher Hinsicht leichter, aber in anderer Hinsicht auch wieder schwerer, etwa im Vergleich mit den Amerikanern. Amerika ist ja von vornherein als ein Einwanderungsland entstanden. Es bestand überhaupt nur aus Einwanderern. Bei uns dagegen ist erst allmählich die Einsicht entstanden, dass wir nun ein Einwanderungsland geworden sind. Ich würde sagen, mehr oder weniger freiwillig darüber gibt es ja auch manchen Streit.

DeutschlandRadio Berlin: Ja und viele haben Angst davor. Es gibt Ängste.

von Weizsäcker: Ja genau, aber mit dieser Angst auch fertig zu werden und aus dieser Lage einen Auftrag zu machen und Schritt für Schritt die Erfahrung zu sammeln, dass wir mit unserer politischen Kraft der Kultur es eben auch lernen, vernünftig zusammen zu leben, darum müssen wir uns eben vor allem bemühen. Schritt für Schritt.

DeutschlandRadio Berlin: Welche Rolle spielt denn diese europäische Kulturpolitik bei der Integration der Osteuropäischen Beitrittsländer?

von Weizsäcker: Die spielt natürlich auch eine sehr große Rolle. Ich würde sagen, zunächst vor allem auch im Verhältnis auch zwischen den west- und den osteuropäischen Mitgliedsländern. Denken Sie etwa daran, dass es zu einer Verständigung und schließlich auch veritablen Versöhnung zwischen den Franzosen und Deutschen ja relativ zügig und erfolgreich gekommen ist. Aber die mindestens ebenso große, dafür aber etwas schwierigere Aufgabe stellte sich ja eben, alsbald im Verhältnis zwischen den Deutschen und den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten, vor allem mit Polen. So lange diese Länder während des Kalten Krieges noch unter sich blieben, waren solche Schritte der Verständigung und schließlich auch Aussöhnung kaum möglich. Das zeigt sich jetzt mit ihrer neuen Mitgliedschaft, als eine Aufgabe, die wir zu bewältigen haben. Wir sind mittendrin, aber wir haben es noch nicht geschafft.

DeutschlandRadio Berlin: Vielleicht noch ein ganz anderer Aspekt: Es gibt die gemeinsame europäische Außenpolitik, die gemeinsame europäische Sicherheitspolitik. Müsste das alles nicht um eine kulturpolitische Dimension erweitert werden? Müsste es nicht so etwas geben, wie zum Beispiel europäische Fernsehprogramme, nach dem ARTE-Modell zwischen Deutschland und Frankreich?

von Weizsäcker: Ich schätze das ARTE Programm sehr hoch, das will ich Ihnen ausdrücklich unterstreichen, aber gerade zu Ihrer Frage, die ich für sehr wichtig halte, kann ich nur antworten mit der Grußbotschaft, die Solana, der Vertreter unserer gemeinsamen Außenpolitik an unsere Konferenz ausdrücklich richtet. Er sagt, eine so verstandene politische Kultur ist die Grundlage für die gemeinsame Außenpolitik. Insofern darf man sagen: Europas Zukunft wird sich an der politischen Kraft seiner Kultur entscheiden.


DeutschlandRadio ist Medienpartner der Berliner Konferenz für europäische Kulturpolitik "Europa eine Seele geben" und überträgt sie am Freitag, 26. November 2004, von ca. 14.45 bis ca. 18.35 Uhr, und am Samstag, 27. November 2004, von ca. 9.30 bis ca. 18.40 Uhr, in "Dokumente und Debatten" auf der Mittelwelle 855 kHz und auf der Langwelle 177 kHz.

Eine Zusammenfassung des ersten Konferenztages hören Sie am Samstag, 27.11.2004, und des zweiten am Samstag, 11.12.2004, auf DeutschlandRadio Berlin in "Dokumente und Debatten" von 22.30 Uhr bis 23.00 Uhr.
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