KulturPolitik
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29.11.2004
Was bedeutet "Fortschritt"?
Interview mit der Kaliningrader Journalistin Swetlana Kolbanjowa
Moderation: Christopher Ricke

Für manche ist das Fortschritt: Alphabetisierungskampagne in Kabul. Schüler und Studierende üben das afghanische Alphabet. (Bild: AP-Archiv)
Für manche ist das Fortschritt: Alphabetisierungskampagne in Kabul. Schüler und Studierende üben das afghanische Alphabet. (Bild: AP-Archiv)
Ricke: Wie ist der Begriff Fortschritt zu fassen? Kann man es technologisch tun, humanitär, intellektuell oder vielleicht sogar national? Ja, irgendwie auch national. Seit dem Frühjahr beschäftigen sich Philosophen, Schriftsteller und Theologen mit dem Verständnis von Fortschritt in unterschiedlichen kulturellen und politischen Kontexten. Nach Diskussionsrunden in Ägypten, Bolivien, Namibia und Russland werden in diesen Tagen die bisherigen Ergebnisse auf einer internationalen Konferenz in Berlin zusammengeführt. Fortschritt in unterschiedlichen Kulturen heißt sie, veranstaltet wird das Projekt vom Goetheinstitut und der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, DeutschlandRadio Berlin ist der Medienpartner.

Mit der russischen Journalistin Swetlana Kolbanjowa versuche ich nun, den russischen Fokus des Fortschrittsbegriffes zu definieren. Guten Tag.

Kolbanjowa: Guten Tag.

Ricke: Im kommunistischen Russland war ja der Fortschritt ein Standpfeiler der Revolution, noch heute trägt der russische Raumtransporter den Namen Fortschritt, Progress. Wie ist denn dieser russische Fortschrittsoptimismus grundsätzlich zu erklären?

Kolbanjowa: Fortschritt ist zunächst einmal etwas sehr Persönliches und jeder von uns definiert den Fortschritt auch eben ausgehend von der eigenen Vorstellung von Glück und besserem Leben. Und dann geht es auf eine nationale Ebene. Fortschritt ist auch immer wieder durch die Voraussetzungen politischer, geschichtlicher und kultureller Art begründet. Insofern wäre es im Moment richtig schwierig, den russischen Fortschritt als irgendetwas Definitives zu begreifen, denn in einem Land, das gerade fieberhaft nach einer neuen Ideologie und Zukunft sucht, ist Fortschrittssuche ebenfalls ein Prozess, der noch dauert.

Ricke: Vielleicht hilft dann ein Blick in die jüngere Vergangenheit zum Konstruktivisten Kasimir Malewitsch, der hat ja vor 80 Jahren 1924 in seinem suprematistischen Manifest die Gegenstandslosigkeit der Kunst gefordert und dadurch eine Tür aufgestoßen, durch die man schreiten sollte. Das ist 80 Jahre her, wie steht man heute?

Kolbanjowa: Danke für den Tip mit Malewitsch, denn was ich an ihm großartig schätze: Er hat sich selber zum Bürger der Welt ernannt und verstand sich auch als solcher und gerade bei dieser Konferenz, wo lauter verschiedene Nationen und Kontinente zusammenkommen, kommt es einem richtig deutlich vor Augen, dass nicht nur unser russisches oder europäisches oder Kaliningrader-Königsberger Verständnis für Fortschritt maßgeblich sein kann oder als richtig gelten. Gerade während dieser Konferenz ist es interessant, auch mal die anderen Sichtweisen vom Fortschritt zu hören. Wir haben gerade gestern von den Bolivianern oder auch von einem Kollegen aus Indien gehört, dass maßgebliche Zweifel geäußert werden eben an der westlichen Tradition des Fortschritts.

Ricke: Sie haben Fortschritt eingangs als individuellen Fortschritt beschrieben, als Befriedigung individueller Bedürfnisse. Wenn man das auf der kapitalistischen Ebene weiterführt, kommt man zur Weiterentwicklung neuer Ideen, innovativer Konzepte, Wirtschaftswachstum und stetigem Glauben an die Veränderbarkeit der Welt und das Wachstum. Aber die Grenzen des Wachstums sind ja längst ausgemessen. Diskutiert man hier vielleicht auch eine Paradoxie?

Kolbanjowa: Genau, denn was bedeutet eigentlich Wirtschaftswachstum? Das betrifft ja den Konsum. Während den anderen eben die Anerkennung der eigenen Kultur einen Fortschritt bedeuten kann. Oder für jemanden in Namibia ist einmal lesen zu können auch Fortschritt. Und auch da gibt es ja die anderen Sichtweisen. Ob nur wirtschaftliche und technische Entwicklung immer das Kriterium für den Fortschritt sein kann, wage ich derzeit auch zu bezweifeln.

Ricke: Ist man dann vielleicht wieder bei Immanuel Kant angekommen, der unter Fortschritt die moralische Vervollkommnung des Menschen und den Aufbau eines verbindlichen Wertekanons verstand?

Kolbanjowa: Nein, wir verstehen uns eigentlich immer sehr gut mit Ihrem lieben Landsmann Kant und dass er beispielsweise den ewigen Frieden als Fortschritt angesehen hat, dem ist glaube ich schwerlich zu widersprechen.

Ricke: Nun gibt es aber andere, zum Beispiel den US-amerikanischen Politologen Francis Fukuyama, der Fortschritt an wirtschaftlichen Maßstäben wie Effizienz und Effektivität misst.

Kolbanjowa: Ich denke, wir werden heute und morgen auch im Laufe der Konferenz zu keinem endgültigen Ergebnis kommen. Ich fürchte sogar, dass es einfach keinen universellen Fortschritt geben kann, kein Wort, das einfach alles in sich trägt. Es ist ein sehr komplexer Begriff.

Die andere Sache ist eben, dass wir den Fortschritt ja alle anstreben, nur wie man das versteht, finde ich, ist eigentlich viel wichtiger als zu sagen, wir haben hier die richtige Definition für den Fortschritt und alle anderen sollen uns jetzt zuhören und bitte auch nach der Maxime handeln. So ist es nicht. Gerade den Schlusspunkt dieser Konferenz fand ich eine tolle Globalisierung, dass wir auch über die globalen Auswirkungen des Fortschritts und über die globalen Verständnisse für Fortschritt sprechen.
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