KulturPolitik
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30.11.2004
Zehetmair: Politik soll sich aus der Rechtschreibung in Zukunft raushalten
Interview mit Hans Zehetmair (CSU), ehemaliger bayerischer Wissenschaftsminister
Moderation: Susanne Führer

Der Duden (Bild: AP)
Der Duden (Bild: AP)
Führer: Die neue deutsche Rechtsschreibung wird ja bekanntlich offiziell am 1. August kommenden Jahres in Kraft treten. Allerdings bleibt die Frage, welche neue deutsche Rechtschreibung dann in Kraft treten wird, denn der Streit um Orthografie und Interpunktion tobt ja munter weiter, und die Unsicherheiten, wie es nun wirklich richtig ist, werden nicht kleiner.

Um diesen Streit endlich beizulegen und damit auch endlich mal ein Duden erscheinen kann, der auch wirklich Gültigkeit hat, soll im Dezember ein Rat für deutsche Rechtschreibung gegründet werden, und dessen Vorsitzender - so wurde gestern bekannt - soll Hans Zehetmair werden, der ehemalige Kultusminister Bayerns. Guten Tag, Herr Zehetmair.

Zehetmair: Guten Tag.

Führer: Noch sind Sie ja nicht gewählt, deswegen gratulieren wir auch noch nicht. Sollten Sie gewählt werden, was wohl sehr wahrscheinlich ist, was sehen Sie dann als Ihre Hauptaufgabe an als Vorsitzender dieses Rats für neue deutsche Rechtschreibung?

Zehetmair: Also ich bin dankbar, dass Sie der Wahl nicht vorgreifen. Das ist ein hochrangiges Gremium, und ich muss selber es sehen, wie das ausgeht. Ich werde mich der Wahl stellen, wenn es gewünscht wird. Es geht mir vor allem darum, dass sich diese heterogenen Gruppen, die in dem Rat sind, einschließlich der Österreicher und Schweizer, möglichst auf ein maßvolles Reformieren zusammenringen, damit endlich Ruhe einkehrt in der Frage der Rechtschreibung, die ja die Nation zu spalten droht.

Führer: Maßvolles Reformieren der Reform jetzt, oder welches maßvolle Reformieren?

Zehetmair: Um es klar zu sagen, eine völlige Zurückschraubung der Rechtschreibreform ist eine Illusion. Wir werden maßvolle Korrekturen noch vornehmen müssen, und das werden wir tun, aber ansonsten, meine ich, muss es da noch mal so zur Ruhe kommen, dass im August auch die neue Rechtschreibreform in Kraft treten kann.

Führer: Maßvolle Korrekturen, haben Sie gesagt. Gibt es da Hauptgebiete? Also Sie sollten nicht jedes einzelne Wort aufzählen, aber vielleicht lässt sich das ein bisschen zusammengruppieren.

Zehetmair: Wenn ich es zusammenfasse, dann nenne ich mal drei Hauptpunkte. Das eine ist diese oft sehr unlogische Entscheidung zwischen Zusammenschreibung und Auseinanderschreibung. Wenn ich ein Beispiel nehme, ich muss die Schüler auseinander setzen, weil sie schwätzen, das muss auseinander geschrieben werden, weil es eine lokale Bedeutung hat. Ich muss mich mit dem politischen Gegner auseinandersetzen, das muss zusammen geschrieben werden. Das ist derzeit im Sinn durcheinandergebracht worden, und so etwas muss man wieder logisch einordnen.

Zweitens, Sie wissen selbst, dass die Interpunktionen in einem Übermaß zurückgefahren wurden, und da ist es für den Leser schwer, weil die Zeitungen haben alle die Interpunktionen wieder eingeführt. Das Dritte ist die Eindeutschung von Fremdwörtern. Ich nenne ein Beispiel, es gibt überhaupt keinen logischen Grund, dass man Restaurant, das man international überall kennt und wo man gerne hingeht, jetzt eindeutscht und mit "o" schreibt.

Führer: In diesem Rat, Sie haben es gerade gesagt, sind nicht nur Deutsche, sondern auch Österreicher und Schweizer vertreten, aber welche Kompetenzen haben Sie dann eigentlich dann genau? Machen Sie Vorschläge für die Kultusminister, bestimmen Sie das, oder wie läuft das?

Zehetmair: Also der Rat für deutsche Rechtschreibung macht nur Sinn, wenn er nicht bloß ad hoc eingeführt wird, sondern, wie es beschlossen wurde, die deutsche Sprache in ihrer Entwicklung beobachten soll, und gegebenenfalls Fortschreibungen empfehlen soll. Das darf nicht heißen, dass wir sie der Politik empfehlen, sondern meine Devise lautet, die Politik sollte sich aus der Rechtschreibung in Zukunft raushalten.

Führer: Aber irgendjemand muss doch entscheiden.

Zehetmair: Ich denke, dass dann, wenn Sprachgelehrte und Journalisten und Sprachkundige feststellen, dass zum Beispiel, ich nenne frühere Zeiten, dass Ski nun Schi geschrieben wird, dass dazu, wie es der Duden oder ein anderes Lexikon vorgeschrieben hat, auch in Zukunft wieder der Dynamik der Sprache entsprechend fortgeschrieben werden kann und nicht eines Beschlusses des Deutschen Bundestages oder der Länderparlamente bedarf.

Führer: Jetzt sind aber dummerweise gerade die Kritiker der Rechtschreibreform nicht in diesem Rat vertreten, weil sie ihre Teilnahme abgesagt haben, zum Beispiel das PEN-Zentrum oder die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Sehen Sie denn Chancen, mit denen doch noch zu einer Zusammenarbeit zu kommen? Halten Sie das überhaupt für erstrebenswert?

Zehetmair: Falls ich gewählt werden sollte, will ich auf jeden Fall, dass ich die Akademie für die deutsche Sprache wieder reinkriege und dass ich mit denen ein Gespräch führe.

Führer: Und PEN-Zentrum interessiert Sie nicht so?

Zehetmair: Doch, es interessiert mich schon, aber ich kann doch nicht alle aufzählen. Ich würde jedem ein Gespräch anbieten, um zu schauen, ob man hier vernünftig zusammenkommen kann.

Führer: Wenn die Reform am 1. August 2005 offiziell in Kraft tritt, dann ja verbindlich nur in Schulen und Behörden. Aber es wird ja weiterhin möglich sein, dass also Schüler vormittags nach der neuen deutschen Rechtschreibung lernen und nachmittags eine Zeitung nach der alten oder ein Gemisch zwischen neuer und alter lesen. Also konterkariert das nicht eigentlich Ihre gesamten Anstrengungen?

Zehetmair: Also ich gehe davon aus, dass dann, wenn etwaige Ungereimtheiten weg sind, es nicht mehr weiter mit einem ideologischen Krieg geht, dass die eine Zeitung sagt, ich bleibe partout bei der ganzen alten Rechtschreibung, und die anderen bei der neuen. Sie haben ja jetzt gesehen, als ein bestimmter Verlag sagte, jetzt gehen wir doch wieder zur alten Rechtschreibung zurück, kam es dann doch nicht dazu. Wir sollten die Ungereimtheiten wegnehmen, aber sollten uns nichts vormachen. Eine Zurückführung zur Stunde Null wird es nicht geben.

Führer: Aber offensichtlich auch keine einheitliche Rechtschreibung mehr, oder?

Zehetmair: Ich glaube, dass sie so ähnlich einheitlich sein wird wie bis jetzt, also relativ einheitlich. Ich muss auch dazu sagen, es ist auch nicht so, als hätten die deutsche Nation und alle Deutschsprachigen bisher die alte Rechtschreibung voll beherrscht und die neue würden sie überhaupt nicht beherrschen. Das ist relativ.

Führer: Vielen Dank für das Gespräch.
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